Newsletter

Aktuell

Im Landkreis: An jedem Tag vier Wildunfälle

Ökologische Jäger sehen Zusammenhang mit Verbiss

(FLZ 22. Febr. 2016), Sebastian Haberl
(FLZ 22. Febr. 2016), Sebastian Haberl

ANSBACH (sh) – „Hoher Verbiss und der Anstieg der Verkehrsunfälle bedingen sich gegenseitig.“ Darauf hat der Ökologische Jagdverein (ÖJV) Bayern hingewiesen. Vorsitzender Dr. Wolfgang Kornder leitete daraus im Gespräch mit der FLZ die Forderung ab, die Rehwildabschüsse deutlich zu erhöhen. Im Landkreis Ansbach ereigneten sich zuletzt jeden Tag durchschnittlich mindestens vier Wildunfälle.


„18 Menschen kamen im Jahr 2014 bei Verkehrsunfällen mit Wildtieren ums Leben, 2824 wurden zum Teil schwer verletzt. Mehr als 250 000 größere Wildtiere wie Rehe oder Wildschweine wurden dabei getötet. Und fast jeder zweite Autofahrer ist bereits mindestens einmal mit einem Wildtier kollidiert oder musste einem solchen ausweichen.“ Diese Zahlen und Hinweise finden sich in einer Kleinen Anfrage der Grünen-Bundestagfraktion. Als Quelle wird der ADAC angegeben.
Für den Landkreis Ansbach erhielt die FLZ vom Polizeipräsidium Mittelfranken diese Zahlen: In den zehn Jahren von 2005 bis 2014 ereigneten sich 15 263 Wildunfälle. Die Zahlen für 2015 sollen in den nächsten Wochen veröffentlicht werden. Doch geht man bei der Polizei von einer „deutlichen Steigerung“ gegenüber 2014 aus. Damals registrierten die Beamten 1620 Wildunfälle. Im Durchschnitt bedeutet das, im Landkreis Ansbach passieren Tag für Tag vier bis fünf Wildunfälle. In 139 Fällen, also in knapp 0,9 Prozent, waren in diesen zehn Jahren auch Personenschäden zu beklagen.


„Risiko steigt mit der Häufigkeit des Wildes“
Beim Ökologischen Jagdverein ist man davon überzeugt, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Anzahl der Wildunfälle und dem Verbiss. Dr. Wolfgang Kornder, Bernhard Mall und Hans Webersberger verweisen auf eine bayernweite Studie zur „Risikoschätzung Wildunfälle in Bayern“ aus dem Jahr 2012. Die Wissenschaftler Torsten Hothorn, Roland Brandl und Jörg Müller kommen darin zu dem Schluss: „Es konnte gezeigt werden, dass hohe Risiken für Unfälle mit Wild in Gegenden auftreten, in denen auch ein hoher Anteil von jungen Bäumen durch Rehwild verbissen wird. Weiterhin zeigte sich ein positiver Zusammenhang des Risikos von Wildunfällen zur Anzahl der von Jägern erlegten Rehe.“ Für die Experten lassen diese Ergebnisse den Schluss zu, „dass das Risiko von Wildunfällen mit der Häufigkeit des Wildes ansteigt“.


Hans Webersberger wollte es genau wissen. Seit 2001 führt er für das Gemeinschaftsjagdrevier Wernsbach bei Ansbach eine Statistik. Das Revier wird von fünf Kilometern Kreisstraße, fünf Kilometer Gemeindestraßen und 200 Meter Staatsstraße durchschnitten.


Mehr erlegte Rehe – weniger Wildunfälle
Die Zahlen beziehen sich jeweils auf die dreijährige Abschussplanperiode. Wurden von 2001 bis 2004 noch 44 Rehe bei einem Unfall getötet, so waren es von 2010 bis 2013 nur noch zwei.


Und wie viele Rehe wurden jeweils erlegt? In den ersten drei Jahren waren es 129, dann 231, 318 und zuletzt 281. Die Zahlen von 2013 bis 2016 liegen noch nicht vor.


Festgehalten ist auch das jeweilige Durchschnittsgewicht. Es steigerte sich von anfangs 10,3 Kilogramm beständig auf 13,4 Kilogramm. Nach den Beobachtungen von Webersberger sind die geschossenen Rehe jetzt nicht nur schwerer, sondern auch gesünder. Nicht zu verachten für den Jäger: „Weil weniger im Kühlergrill endet, kommt mehr auf den Grill.“ Von dem erhöhten Abschuss profitierten aber nicht nur Autofahrer, sagte Webersberger. „Das tut dem Wald gut und auch die Waldbauern sind zufrieden, weil sie nicht zäunen müssen.“


Dr. Kornder appelliert vor allem an die Jäger, die in ihren Revieren beim Verbiss im roten Bereich liegen. Seine Bitte: Die Pächter mögen von sich aus mehr Interesse an einer waldverträglichen Umsetzung der Abschusspläne zeigen. Gehe es neben der wirtschaftlichen Bedeutung doch auch um eine gesamtgesellschaftlich wichtige Aufgabe: Es gelte mitzuhelfen, die Zahl der Wildunfälle zu verringern und es gehe um die Gemeinwohlfunkion des Waldes, der wegen des Klimawandels umgebaut werden muss.


„Zusammenhang ist höchst umstritten“
Der Sprecher der Jägervereinigungen im Landkreis Ansbach, Johannes Schneider aus Adelshofen, macht etliche Fragezeichen hinter der Behauptung „Wo viel Wild ist, ereignen sich viele Unfälle“. Für ihn spielen viele Faktoren mit: Wo sind bevorzugte Äsungsflächen? Ist das Wild den Verkehr gewohnt? Wird das Wild beunruhigt?


Sein kurzes Fazit: „Der behauptete Zusammenhang ist höchst umstritten.“

Artikel von Sebastian Haberl (Fränkische Landeszeitung vom 22.02.16)