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Wald beobachten und von der Natur lernen

30 Jahre Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldbewirtschaftung im Rupertiwinkel

Artikel von Veronika Mergenthal, Traunsteiner Tagblatt vom 25.05.2016

Oberteisendorf/Berchtesgadener Land – Durch genaues Beobachten und bei gemeinsamen Exkursionen lernen, um die eigenen Wälder im Einklang mit der Natur bewirtschaften zu können: Dieses Ziel haben sich 1986 die Gründungsväter der „ANW Rupertiwinkel“ auf die Fahnen geschrieben. ANW steht für „Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldbewirtschaftung“. Am Waldrand beim Hof von Mitinitiator Peter Fritzenwenger in Thumberg nahe Oberteisendorf feierte die ANW-Gruppe nun ihr 30-jähriges Bestehen.
     Zu Beginn besichtigten die über 70 Besucher, darunter Gäste aus Niederbayern und von der Forstverwaltung Sachsen-Anhalt, den 22 Hektar großen Wald der Familie Fritzenwenger, der mittlerweile dem genau so waldbegeisterten Sohn Martin gehört. Als Kind schon imitierte Peter Fritzenwenger die Waldarbeit im Spiel mit seinen Freunden. Da sein Vater früh verunglückt war, war der Wald 20 Jahre lang unbewirtschaftet. Der junge Hoferbe Peter fühlte sich überfordert. Die Förster Georg Meister (Bad Reichenhall) und Stefan Köcher (Freilassing) mit ihrem Engagement für naturnahen Waldbau inspirierten ihn. Als ihn Meister 1986 zu einer bayernweiten ANW-Tagung nach Berchtesgaden mitgenommen habe, habe er gespürt: „Das ist für mich eine Chance“, erinnert sich Peter Fritzenwenger. Seit 15 Jahren bewirtschaftet er seinen Wald mit seinem Sohn zusammen. „Der Wald ist meine Leidenschaft, mein Beruf, mein Arbeitsumfeld, meine Erholung und Entspannung“, sagt Martin Fritzenwenger, der an der Forstverwaltung Tegernsee arbeitet und auf seinem Grund einen Waldkindergarten mit initiiert hat. 
    Die Walderkunder erfuhren von Peter Fritzenwenger, dass er sich viel Zeit zum Gehen und bewussten Schauen in seinem Wald nimmt. Hin und wieder habe er sich danach schon gegen die Fällung von bereits dafür vorgesehenen Bäumen entschieden, weil er den Wert eines Baumes für die Gruppe erst erkannt habe. Inzwischen hat er 26 verschiedene Baumarten. Die Hälfte davon hat wirtschaftlichen Nutzen. Er fördert auch Einzelbäume, beseitigt zum Beispiel bei einem Ahorn, der pro Jahr um einen Zentimeter Stammumfang wächst, alles, was seine Krone bedrängt. Gern lässt er alte Tannen zur Freude vieler Pilzarten umfallen oder gibt Bäume als Biotope oder Totholz frei.
     Auslöser zur Gründung der ANW Rupertiwinkel war ein Aufruf von Köcher in den WBV-Mitteilungen im Herbst 1986. „Wir wollen an naturnahem Waldbau interessierten Waldbesitzern mehr Information und ggf. Exkursionen anbieten“, begann das Schreiben. Wer sich für diese Bewirtschaftungsform entscheide und möglichst gestuft aufgebaute Bestände mit Fichte, Tanne und Buche mitbringe, soll bei der Arbeitsgruppe mitmachen. Etwa 30 Waldbauern  meldeten sich und übernahmen bald Verantwortung, etwa als Jagdvorsteher und -beiräte. Zu den Pionieren zählte neben zahlreichen Landwirten aus dem Rupertiwinkel auch Ekkehart Feist aus Oberau.
   Seine Idee entwickelte Köcher, weil er selbst auf Lehrfahrten bisher am meisten gelernt hatte. Der in Kürze die Pension antretende Förster erinnerte die Gäste an die verbreitete völlig konträre Philosophie im Waldbau zu seinem Dienstantritt 1984: „Nadelholz bringt Geld, Laubholz macht nur Arbeit“ und „Nadelholz ist Bauholz – Laubholz ist nur Brennholz“, war das Motto. Die Waldbauern aus dem Rupertiwinkel strebten einen Gegenpol zur intensiven Forstwirtschaft mit immer mehr Erschließung und Mechanisierung, Düngung, Pestizideinsatz und genetischer Selektion an. Ihre Ziele waren Naturverjüngung auf der ganzen Fläche, laufende Förderung der wertvollsten Zuwachsträger (Samenbäume) oder Anpassung der Wildbestände, um den Verbiss einzudämmen. Köcher gratulierte Peter Fritzenwenger, dass er seit 1998 die jagdliche Eigenbewirtschaftung pflegt.
     Die Schlüsselrolle der privaten Waldbesitzer für die Artenvielfalt hob Festredner Karl Friedrich Sinner hervor, der von 1998 bis 2011 den Nationalpark Bayerischer Wald geleitet hatte: Es gebe in Bayern rund 700.000 Waldbesitzer mit im Schnitt etwa zwei Hektar Waldbesitz, oft aufgeteilt auf mehrere Parzellen. Zugleich seien 58 Prozent des Waldes in Bayern Privatwald. Sinner stellte den Begriff Biodiversität und das Vertragsnaturschutz-Förderprogramm für den Wald vor und zeigte auch die generationenübergreifende Bedeutung des Waldes auf.
     Der Vorsitzende der ANW Rupertiwinkel, Hans Praxenthaler, führt den Fortbestand dieser Vereinigung bis heute darauf zurück, dass dieser Zusammenschluss von „waldnarrischen“ Bauern und Förstern lose und beitragsfrei geblieben ist. Nur für die Exkursionen und Lehrfahrten, bisher unter anderem in den Stadtwald Fürth, ins Allgäu, nach Bamberg, nach Ruhpolding und Reit im Winkl, an den Hintersee im Nationalpark Berchtesgaden oder nach Augsburg und Landsberg, fallen Kosten an. Außerdem bietet die ANW Schulungstage und zum Teil auch Einzelberatungen an. Für die nächsten Jahrzehnte hofft Praxenthaler auf genug Nachwuchs nicht nur im Wald, sondern auch in der ANW. Zur Brotzeit gab's Rehragout, wofür der Oberteisendorfer Wirt auch Fleisch von zwei Rehen aus Fritzenwengers Wald verarbeitete, hofeigenen Käse von Praxenthaler und Rehwürste.
                                                                                                                          Veronika Mergenthal
Hintergrund:
Auf Bundesebene wurde die ANW (Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldbewirtschaftung) 1950 gegründet, wie der anwesende Vorsitzende der ANW Bayern, Prof. Dr. Manfred Schölch, erklärte. Die Vereinigung zählt bundesweit etwa 2700 Mitglieder, darunter Forstleute, Waldbesitzer, Wissenschaftler und Waldinteressierte. Die stärkste Landesgruppe ist Schölch zufolge Bayern, 1985 als erste Landesgruppe gegründet, mit mittlerweile etwa 500 Mitgliedern, gefolgt von der Landesgruppe Baden-Wüttemberg mit etwa 470 Mitgliedern. Die Mitglieder arbeiten konsequent an der ökonomischen und ökologischen Optimierung der bewirtschaften Wälder und lehnen Kahlschläge ab.     vm

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