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"Das Märchen von der alles überwachsenden Buche"

Ein waldbaulicher Kommentar von Förster Peter Lechner, Schliersee

In den meisten Jagdrevieren im Landkreis Miesbach ist die natürliche Verjüngung von Fichte, Tanne und Buche mittlerweile seit Jahren gewährleistet. Die Zeiten, in denen selbst die Fichte durch Anstreichen oder Zäunung vor Wildverbiss geschützt werden musste und die Zeiten, in denen selbst üppiger Buchenanflug auf Äserhöhe des Rehwilds stagnierte, gehören - bis auf wenige unrühmliche Ausnahmen - der Vergangenheit an. Wir sind da im Landkreis Miesbach im bayernweiten Vergleich wirklich sehr gut unterwegs. Unbestritten hat die 1984 vom ehemaligen Forstamtsleiter Kornprobst initiierte und vom damaligen Landrat Gröbl mitgetragene Einführung der „Revierweisen Aussagen“ einen entscheidenden Anteil an dieser positiven Entwicklung. Und den hat sie heute noch. Mit der damit einhergehenden Versachlichung der einst emotional überhitzten Wald/Wild-Diskussion gelang es in der Folge in vielen Revieren nachhaltig waldverträgliche Wilddichten, insbesondere beim Rehwild, herzustellen. Darauf können alle beteiligten Akteure zu Recht stolz sein.

Genau hinschauen!


Leider ist es aber in einem Teil der Jagdreviere in unserem Landkreis noch immer nicht gelungen, neben der Fichte und der Buche auch der so wichtigen, klimatoleranten Zukunftsbaumart Weißtanne auf der Fläche zum Durchbruch zu verhelfen. Schaut man in diesen Revieren „hinter den Vorhang“, also in hüft- bis über mannshohe Buchen-Naturverjüngungen, erkennt man oftmals erst, welche waldbaulichen Dramen sich dort abspielen. Regelrechte Tannenfriedhöfe mit mehr oder wenig stark unter der Buche zusammengefressenen untergegangenen Tannen tun sich einem hier auf.
Da kann manch säumiger Jagdpächter echt froh sein, wenn die Buche im Frühjahr ihr wunderschönes, zartes Blattgrün über diesen Missstand ausbreitet. „Ist doch alles im grünen Bereich“, könnte man meinen. Aber eben nur, wenn man es aus ausreichender Entfernung betrachtet.

Die Buche – dominanter als die Tanne?

 

Vielfach wird die These vertreten, dass die Buche eine größere Dominanz als die Tanne besitzt. Diese Behauptung darf man meines Erachtens so nicht stehen lassen. Sicherlich gehört es mit zum Menschlichsten, dass man für eigene Fehler oder Versäumnisse gerne einen Schuldigen sucht. Nach dieser Einwertung wäre die Buche auf einmal nicht mehr die „Mutter“, sondern die „Domina“ des Waldes, die alles, inklusive der Baumart Tanne, niederwächst.

Tatsächlich ist die schattenertragende Buche in unseren natürlichen Buchen-Tannen-Wäldern wirklich sehr konkurrenzkräftig. Unbestritten ist sie bis ins hohe Alter die plastischste Baumart in unseren Bergmischwäldern. Steht sie im Schatten, steht sie im Licht, immer geht sie in die Breite. Das ist auch der Grund warum sie als sogenannte Schlussbaumart - wohlgemerkt neben der Tanne - von Natur aus das Rückgrat unserer Wälder bis in Höhen von circa 700 Meter bilden würde, wenn der Mensch nicht irgendwann künstlich die Fichte eingebracht hätte. Die über 150 jährigen Altbestände in unserem Landkreis weisen regelmäßig noch sehr hohe Buchenanteile auf.

Aber die im Vergleich zur Buche noch mehr und länger schattenertragende Tanne war und ist fast immer in der Lage sich ohne durchforstende Hilfe gegenüber der Buche durchzusetzen. Aber eben nur dann, wenn nicht das Rehwild mit einem Vielfachen der waldverträglichen Dichte das Einwachsen in die gesicherte Verjüngung verhindert. Die Tanne hat neben der erwähnten Schattentoleranz noch weitere verjüngungstechnische Vorteile gegenüber der Buche. Sie samt häufiger ab als die Buche, erreicht größere Baumhöhen und kann in der Regel auch älter als die Buche werden. Kurz gesagt, die Tanne ist einfach zu stark und vital, um sich von der Buche dominieren zu lassen.

Die Buche kann nichts dafür, dass die Tanne so verbissempfindlich ist. Es ist schlicht unseriös, die Buche mit dem unsachlichen Argument der größeren Dominanz gegenüber der Weißtanne als Ausrede und Sündenbock für eigentlich jagdliche Defizite vorzuschieben.

Die Tanne – die Nadelbaumart der Zukunft

Ein ausreichender Nadelholzanteil in unseren Wäldern kann, aufgrund der standortsbedingt oftmals ausbleibenden Naturverjüngung der Fichte und der rasant zunehmenden Gefährdung und Dezimierung der Fichte durch Hitze, Dürre und Borkenkäfer, künftig nur über die natürliche Verjüngung der klimatoleranten Baumart Weißtanne realisiert werden. In vielen Jagdgenossenschaften Miesbachs funktioniert dies vorbildlich.In den verbliebenen jagdlichen Problemrevieren sollte man nicht die Buche schlechtreden, sondern durch entsprechende jagdliche Bemühungen der Tanne helfen.