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Informationsveranstaltung Jagd

Schernberg/Wernsbach 07.-08. April 2017

Der Auftakt am Freitagabend: Theorieblock in Schernberg

Das Thema Jagd und Wald ist bayernweit ein Dauerthema. In vielen Regionen ist die Verbissproblematik nicht oder nur unzureichend gelöst. Das Nachsehen haben meist die Waldbauern. Um hier Bewusstsein zu schaffen und den Waldbesitzern das nötige Wissen an die Hand zu geben,  haben sich die  Forstbetriebsgemeinschaften Rothenburg o.d.Tauber und Feuchtwangen zusammen mit dem Ökologischen Jagdverein Mittelfranken entschlossen, ein Fachseminar zu organisieren, in dem Theorie und Praxis abgehandelt werden. Der Theorieteil dieser Veranstaltung fand am 7. April 2017 in Schernberg statt, der Praxisteil am darauffolgenden Samstag in Wernsbach. 50 interessierte Zuhörer im Theorieteil am Freitag und ca. 30 bei der Exkursion unterstrichen das große Interesse.


Die Begrüßung erfolgte durch den FBG-Geschäftsführer Martin Brunner, der die Veranstaltung weitgehend organisiert hatte. Er führte mit eindeutigen Bildern in die Problematik ein. Dann referierte im Theorieblock Robert Kammerbauer von der Höheren Jagdbehörde Mittelfranken.


Kammerbauer griff die große Palette von Themen auf, die ihm von der FBG vorgelegt worden waren: Rehbockabschuss im Winter, Gesellschaftsjagd, Treibjagd, Drückjagd, Ablenkfütterung, Kirrung, Fütterung, Hege, Fütterung, Notzeit einschließlich der missbräuchlichen Wildfütterung, Geltendmachung von Wildschaden gemäß § 34 (BJagdG), der Einsatz von Schutzvorrichtungen gemäß § 32 (BJagdG) und die Frage der Hauptholzarten bzw. Hauptbaumarten.


Wer bei dieser Themenpalette an langweilige und trockene Ausführungen dachte, hatte sich gründlich getäuscht. Kammerbauer verstand es, diese vielfältigen Themen hoch interessant darzustellen. Die zahlreichen Nachfragen unterstrichen dies. Und Kammerbauer blieb keine Antwort schuldig, verwies aber immer wieder auf gesetzlich nicht eindeutig festgelegte Abgrenzungen, wodurch die Handhabung naturgemäß schwieriger wird.


Ein solcher Bereich ist z.B. die Definition von „Notzeit“, in der gefüttert werden muss und ohne die nicht gefüttert werden darf! Ebenfalls unscharf zeigt sich der Gesetzesbegriff „Hauptholzarten“, der zudem rein forstlich betrachtet nochmals eine andere Bedeutung hat als das herkömmlich verwendete Reden von „Hauptbaumarten“. Es besteht die Möglichkeit, dass die Vertragspartner im Jagdpachtvertrag die entschädigungspflichtigen Hauptholzarten festschreiben. Dass bei der Wildschadensfrage inzwischen vermehrt Deckelungen oder eine prozentuale Aufteilung des Schadensbetrages auf die Jagdgenossenschaft und die Jagdpächter erfolgt, sei nicht zu übersehen. Dies sei auch maßgeblich dadurch bedingt, dass die Höhe und der Umfang der in der Zukunft möglicherweise auftretenden Schwarzwildschäden nicht abschätzbar sei.


Besonders bei waldfreundlicher Bejagung sei ein geringerer Pachtschilling oftmals mehr wert als eine hohe Pacht mit hohen Rehwildbeständen.


Nachdem aufgrund der regen Nachfrage der Vortrag von Robert Kammerbauer weit über eineinhalb Stunden andauerte und dabei viele Fragen zur Wildschadensentschädigung im Wald bereits besprochen waren, konnte sich Armin Heidingsfelder, Geschäftsführer der Forstwirtschaftlichen Vereinigung Mittelfranken,  mit seinem Referat zur Wildschadensproblematik kurz halten und wichtige Punkte herausstellen.


Er verwies darauf, dass Waldbesitzer, die einen Wildschaden im Wald geltend machen wollen, in der Beweispflicht liegen und deshalb ihren Schaden mehr als gut dokumentieren sollten. Denn all zu oft kommt es leider vor, dass im Vorverfahren viel Zeit vergeht bis überhaupt einmal ein Forstsachverständiger beauftragt wird, den Schaden zu begutachten. Das kann am Ende dazu führen, dass nicht nur der Schaden umso schwerer zu ermitteln ist, sondern dass auch das Gutachten im Klagefalle nicht mehr als Beweismittel anerkannt wird.


Neben Hinweisen zur oft fragwürdigen Aufteilung von Gutachterkosten im gemeindlichen Vorverfahren betonte er weiter, dass man den Ersatzanspruch des Waldbesitzers über den Jagdpachtvertrag nicht aushebeln oder beschränken könne. Im Pachtvertrag könne man zwischen Jagdgenossenschaft und Jagdpächter lediglich regeln, wer von den beiden Vertragsparteien welchen Anteil am Wildschaden zu bezahlen hat. Regelungen im Jagdpachtvertrag zuungunsten des Waldbesitzers wie etwa die Drittel-Regelung oder das Auferlegen eines zu tolerierenden Verbissprozentes seien nicht zulässig.


Angesichts hoher Gutachterkosten, die oft in einem Missverhältnis zum Entschädigungsbetrag für den Waldbesitzer stünden, empfahl er, das „Rosenheimer Modell“ anzuwenden, also Zusatzvereinbarungen zum Jagdpachtvertrag zu treffen, in denen konkrete Entschädigungssätze zwischen Jagdgenossenschaft und Jagdpächter definiert werden. Damit könnte man hohe Gutachterkosten vermeiden. Dieses Modell kann aber nur dann funktionieren, wenn die Mehrzahl der Waldbesitzer im Jagdrevier hinter einer solchen Lösung steht und wenn die Entschädigungssätze nicht unter denen liegen, die in der Regel von Forstsachverständigen im Vorverfahren angewendet werden. Ansonsten erhöht sich wiederum die Wahrscheinlichkeit, dass von Waldbesitzerseite der Weg des gemeindlichen Vorverfahrens beschritten wird, mit all den negativen Begleiterscheinungen, die immer wieder bei Wildschadensfällen zu beobachten sind.


Dr. Wolfgang Kornder, Vorsitzender des ÖJV Bayern, stellt dann eine der bewährten Eigenbewirtschaftungen Bayerns, die Jagdgenossenschaft Kay, Gemeinde Tittmoning in Südost-Oberbayern, vor. Dort entstanden bei den Stürmen 1990 enorme Schäden. In der anschließenden Aufforstungsphase zeigte sich hinter Zaun eine bis dahin nicht für möglich gehaltene Naturverjüngung. Auch die bis dahin nur sehr gering vertretene Tanne, die im Frühstadium schon weggefressen wurde, war nun vielerorts vertreten. Nachdem von Pächterseite keine Änderung zu erwarten war, nahmen die Jagdgenossen das Heft selbst in die Hand und gründeten eine Eigenbewirtschaftung, die nach einem kräftigen Reduktionsabschuss bis heute eine reiche Naturverjüngung hervorbringt und das Einbringen von Edellaubholz in den fichtendominierten Waldungen problemlos ermöglicht.
 
Exkursion in der JG Wernsbach
Theorie ist das eine, die wichtigere Umsetzung das Andere. Und die konnten sich die Waldfunktionäre am nächsten Tag in Wernsbach anschauen. Wie Jagdvorstand Bernhard Popp unmissverständlich zum Ausdruck brachte, war es ein steiniger Weg, zusammen mit dem damaligen neuen Jagdpächter Hans Webersberger eine jagdliche Neuausrichtung einzuleiten. Die bis nur Neuverpachtung hohen Fallwildzahlen und Dutzende Verkehrsunfälle mit Rehwild gibt es heute so gut wie nicht mehr, betonte Webersberger (s. Statistik unten). Der Abschuss wurde hochgesetzt und auch erfüllt und – wie nicht anders zu erwarten – die Naturverjüngung begann zu wachsen und  gepflanzte Jungbäumchen konnten ohne Zaun oder Einzelschutz eingebracht werden. Die klimatolerante Tanne kann inzwischen einzeln und ohne Schutzmaßnahmen untergepflanzt werden.

Viele der Exkursionsteilnehmer staunten über den weitestgehend zaunlosen Wald, der sich vital und vielfältig auch mit Laubholz verjüngt. Da die Gemeinde Weihenzell im Gemeindewald ihre Trinkwasserbrunnen hat, kommt dem Laubholz eine besondere  Bedeutung zu, weil dadurch der Versauerung entgegengewirkt wird, was der Wasserqualität zu Gute kommt. Und natürlich speichert ein intakter Wald auch mehr Wasser.


Dass es bei der Umsetzung so manchen Ärger und so manche Schwierigkeit vor allem mit angrenzenden Jägern gab, klang immer wieder an. Doch ohne eine waldfreundliche, effektive Jagd gäbe es diese vielfältige Verjüngung nicht. Hans Webersberger und andere erklärten deshalb Jagdmethoden und Abschusskriterien. Wer die Gesetzesvorgabe „Wald vor Wild“ umsetzen will, muss Bewegungsjagden, Sammelansitze und sinnvoll ausgeübte Einzelansitze miteinander kombinieren, Hochsitze in dem sich verändernden Wald laufend umstellen und die richtigen Mitjäger rekrutieren. Trophäenhege gibt es nicht. Rehwild wird nach den Vorgaben  des Jagdgesetzes bejagt. Es gilt „Zahl vor Wahl“.  Dass dies nicht nur dem Wald, sondern auch dem Rehwild zugute kommt, zeigt dessen körperlicher Zustand: Der Durchschnitt des Rehwildgewichtes stieg um mehrere Kilogramm. Kümmerndes und krankes Rehwild  gibt es so gut wie nicht mehr. Deckung und Äsung haben zugenommen; besser kann es einem Rehwildbestand nicht gehen. Über drei Stunden dauerte die Exkursion, ein Zeichen für das Interesse der Teilnehmer.

Resümee
Theorie und Praxis hatten sich so ideal ergänzt. So bleibt zu hoffen, dass die Teilnehmer Impulse von dem hier Gesehenen und Gehörten mitnehmen und diese  umsetzen. Nicht nur der im Hinblick auf den Klimawandel notwendige Waldumbau sondern auch das gesündere Rehwild, die zurückgehenden Verkehrsunfälle, der größere wirtschaftliche Gewinn und die funktionierenden Wohlfahrtsfunktionen des Waldes bis hin zur Wasserspeicherung danken für diese waldfreundliche Jagd. Angepasste Wildbestände sind damit nicht nur für die Waldbesitzer, sondern für die gesamte Gesellschaft ein Gewinn.


Dr. Wolfgang Kornder u.a.

Bildergalerie

Fränkische Landeszeitung, Westmittelfranken vom 12. Mai 2017

Bayerisches Landwirtschaftliches Wochenblatt Nr. 19 vom 12. Mai 2017
Klare Verhältnisse schaffen BLW Nr. 19 S
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