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Der Bergwald in Bayern - Der steinige Weg zu angepassten Schalenwildbeständen

Zum Herbstseminar des ÖJV Bayern e.V. am 7. Oktober 2017 in Schliersee

Der Bergwald ist und bleibt eines der wichtigsten Naturgüter, die der gesamte Alpenraum zu bieten hat. In Bayern hat der Bergwald in der Gesellschaft seit je her einen hohen Stellenwert. Früher wie heute hat er vielerlei Funktionen. Als Holzlieferant, als Ort der Erholung oder als Lebensraum für seltene Tiere, Pilze und Pflanzen, der Bergwald ist und bleibt ein außergewöhnliches und faszinierendes Ökosystem. Es muss bei allen Diskussionen, die in der heutigen Gesellschaft um den Bergwald geführt werden oberstes Ziel sein, diesen auch für die nachfolgenden Generationen zu erhalten.

So muss er neben den genannten Nutz-, Erholungs- und Schutzfunktionen auch den Schutz vor Lawinen, Steinschlag und Muren in vollem Maße gewährleisten können. Ermöglicht werden kann dies nur mit einem völlig intakten Bergmischwald aus standortheimischen Baumarten. Eine dauerhafte, vitale Bestockung ist dabei selbstverständlich ebenso essentiell, wie eine Naturverjüngung, die ohne Schäden aufwachsen kann. Angepasste Schalenwilddichten sind hier der ausschlaggebende Faktor, eine ausreichende Verjüngung, aber auch gesunde, ungeschälte Wälder zu erhalten.

Dabei hat der Bergwald in Bayern ganz schön zu kämpfen, vielerorts weisen die Bestände im Bergwald geringe Bestockungsgrade auf und haben eine unausgewogene Alters- und Baumartenstruktur. Das führt zu Vergrasung, Entmischung und  zur Überalterung des Bergwaldes ohne ausreichend nachkommender Naturverjüngung. Zudem kommt nun auch noch der Klimawandel, der sich im Alpenraum viel stärker auswirkt, als etwa im Flachland. Trockene Sommer, insektenbedingte Kalamitäten und vermehrte Starkregenereignisse stellen die gegenwärtigen Bestände vor extreme Herausforderungen.

Fachleute sind sich seit vielen Jahren einig, dass überhöhte Schalenwildbestände eine natürliche Verjüngung des Bergwaldes verhindern. Zu einem modernen, zukunftsweisenden Bergwaldmanagement gehört demnach ein modernes, zukunftsweisendes Schalenwildmanagement, ganz ohne traditionellem Trophäenkult und rasse- und zuchtideologischem Hemmschuh. Es kann nicht sein, dass die Gesellschaft auf Grund der Interessen von nur einzelnen Jägern enorme Summen in die Erhaltung eines intakten Bergwaldes stecken muss.

Mit diesem Hintergrund veranstaltete der Ökologische Jagdverein Bayern heuer das Herbstseminar in Schliersee. Dort wurde mit einer Exkursion und anschließenden Fachvorträgen der aktuelle Zustand des Berg- und Schutzwaldes diskutiert und gezeigt, dass wie so oft die Jagd der Schlüssel zum Erfolg ist.

Exkursion am Hagenberg, Forstrevier Josefsthal, Forstbetrieb Schliersee

Obwohl ein regnerischer Tag erwartet wurde, zeigte sich das Wetter an diesem Nachmittag von seiner besten herbstlichen Seite und die über 30 Personen umfassende Exkursionsgruppe konnte neben schönen Waldbildern auch eine grandiose Aussicht auf das Schlierseer Tal werfen. Unter Leitung des für das Revier Josefsthal der Bayerischen Staatsforsten zuständigen Revierleiters Alfons Rauch und dem Mitarbeiter der Fachstelle für Schutzwaldmanagement Murnau Florian Forstner wurde anhand eindrucksvoller Waldbilder die Entwicklung der Schutzwaldsanierungsfläche am Hagenberg erläutert.

Seit nunmehr über drei Jahrzehnten wird dort versucht durch Pflanzungen, Verbauungen und einem erhöhten Jagddruck auf das Schalenwild die zahlreichen Lawinenrinnen, Rutschschneeflächen aber auch die durch andere Kalamitäten entstandenen Freiflächen und Blößen wieder zu bewalden. Das zu schützende Objekt war und ist die einige Hundert Meter darunter liegende Spitzingseestraße, von der die Gesellschaft erwartet, dass sie auf Grund des steigenden Wintertourismus im Spitzingseegebiet ganzjährig befahrbar ist.

Dass die Sanierung des Schutzwaldes am Hagenberg ein langwieriger Prozess ist, war damals bei der Einrichtung der Sanierungsfläche den Verantwortlichen klar. Der damalige Forstamtsleiter Hans Kornprobst erläuterte vor Ort aber die Probleme, die sich damals auftaten. Selbst die Wasserwirtschaftsverwaltung, die heutzutage für den dauerhaften Objektschutz vor Lawinen zuständig ist, hat zu der Zeit nicht an einen Erfolg geglaubt und so hat das damalige Forstamt sämtliche nötigen Verbauungen selbst projektiert und für deren Umsetzung gesorgt. Auch die Stahlnetze und andere dauerhafte Schutzelemente wurden damals vom Forstamt gebaut. Somit bleibt das Sanierungsgebiet am Hagenberg einzigartig, denn an der Zuständigkeit hat sich bis heute nichts geändert. Sämtliche Schutzmaßnahmen liegen in der Zuständigkeit der bayerischen Forstverwaltung, in allen anderen Sanierungsflächen liegen die dauerhaften Schutzmaßnahmen in der Zuständigkeit der bayerischen Wasserwirtschaftsverwaltung oder der Straßenbauverwaltung.

Dass die Schutzwaldsanierung ein Erfolgsmodell ist, kann heutzutage – trotz mancher Problemgebiete - auf vielen Flächen im gesamten bayerischen Alpenraum eindrucksvoll begutachtet werden. Auch am Hagenberg sind mittlerweile viele Lawinenrinnen mit einem jungen Wald bewachsen. Dichte Dickungskomplexe verhindern so ein Abgehen von Lawinen, Steinschlag oder Muren. Auch der sogenannte Gleitschnee wird durch die Erhöhung der Oberflächenrauigkeit minimiert.

Seit der Einrichtung der Sanierungsfläche wurde am „Prototyp“ Hagenberg vieles ausprobiert, dabei hat selbstverständlich nicht immer alles funktioniert. Es musste oft mit Rückschlägen gekämpft werden, meist bedingt durch hohen Schalenwildverbiss. Denn was ist in Sanierungsflächen ärgerlicher, als wenn eine 10 -15-jährige Tanne, die endlich den Kopf aus dem Schnee steckt, im Folgejahr komplett verbissen wird und man sozusagen auf Teilflächen wieder von vorn anfangen muss? Es ist hierbei sicherlich eine gewisse Frustrationsresistenz der zuständigen Forstbeamten von Nöten, denn auf Sanierungsflächen kommt dies leider immer wieder vor.

Was nützen Hunderte von Dreibeinen, hunderte Laufmeter Stahlnetze, das Pflanzen Tausender junger Fichten, Tannen und Buchen und somit Millionen von investierten Euros, wenn die Jagd nicht stimmt?  Immer wieder müsste nachgepflanzt werden. Dreibeinböcke würden verrotten und müssten somit ersetzt werden. Enorme Ausgaben würden letztendlich auf die Gesellschaft zu kommen, denn die Kosten der Verbauungsmaßnahmen werden von den Verwaltungen gezahlt.

Das Beispiel Hagenberg beweist, dass nur eine konsequente Bejagung zum Ziel führen kann. Dabei ist es essentiell, dass auf den sensiblen Flächen das Schalenwild auch in der Schonzeit bejagt wird. In der Zeit vor und zum Austrieb der Knospen im Frühjahr kann somit das Schalenwild konsequent aus den Sanierungsflächen gehalten werden. Auch der eintretende Vergrämungseffekt einer ganzjährigen Bejagung kann genutzt werden und somit eine tatsächliche Abschusserhöhung auf diesen Flächen gar nicht nötig sein.


Fachvorträge

Nach einem Grußwort des Schlierseer Bürgermeisters wurden in der Gastwirtschaft „Charivari“ mit Blick auf den See Fachvorträge gehalten. Obwohl die Themen der Referenten alle den Bergwald behandelten, erlaubten sie dem Publikum den Bergwald aus verschiedensten Blickwinkeln unterschiedlicher Fachrichtungen zu betrachten. Der Tenor aller Referenten war dann aber wieder gleich: Nur angepasste Schalenwildbestände ermöglichen es, einen intakten Bergmischwald für unsere nachfolgenden Generationen zu erhalten.

Fachvortrag 1: Die Bergwaldoffensive der Bayerischen Forstverwaltung, Dr. Ulrich Sauter, Bereichsleiter Forsten am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Kempten

Sozusagen der Erfinder der Bergwaldoffensive, der Erfolgsstrategie der Bayerischen Forstverwaltung, Dr. Ulrich Sauter konnte dem Publikum die Hintergründe und Ziele des Projekts darstellen.

Im Rahmen der Bergwaldoffensive werden mittlerweile in ganz Bayern Maßnahmen zur Stabilisierung und nachhaltigen Anpassung der Bergwälder an den Klimawandel intensiviert und umgesetzt. Die Projekte versuchen unter Beteiligung und Unterstützung möglichst aller örtlichen Akteure im Privatwald eine sachgerechte Pflege und eine möglichst frühzeitige Verjüngung des Bergmischwaldes mit angepassten Baumarten zu erreichen.

Das funktioniert laut Dr. Sauter nur mit genügend bereitgestellten Ressourcen. Um die Projekte durchführen zu können bedarf es wegen des erhöhten Koordinationsaufwandes und der intensiveren Beratungstätigkeit mehr Arbeitskräfte. Zusätzlich muss dabei den Waldbesitzern auch finanziell geholfen werden, um zum Beispiel die Bewirtschaftung der Wälder überhaupt erst zu ermöglichen. Ein Beispiel ist da die finanzielle Unterstützung bei der Erschließung der Bergwälder. Man muss sich vor Augen halten, dass nur durch eine nachhaltige Bewirtschaftung des Privatwaldes, dieser auch in Zukunft alle Funktionen eines intakten Berg- und vor allem des Schutzwaldes erfüllen kann.

Ausschlaggebend ist dabei eine angepasste Bejagungsstrategie. Nur durch eine deutliche Reduzierung der Schalenwildbestände auf ein waldverträgliches Maß kann das Vorhaben auch dauerhaft funktionieren. Die Bergwaldoffensive versucht durch das Beteiligen aller Interessensvertreter einen gemeinsamen Weg zu finden. Ein runder Tisch aus den Waldbesitzern, Entscheidungsträgern, politischen Vertretern, Vertretern von Verbänden und Interessensgruppen (z.B.: aus der Forstwirtschaft, dem Tourismus, der Landwirtschaft, dem Naturschutz, dem Alpenverein, etc.) und anderen Behörden vereinbaren ein gemeinsames Ziel. Auch die Jäger sind als Interessensgruppe beim gesamten Entscheidungsprozess beteiligt und können sich einbringen. Ist ein gemeinsames Ziel beschlossen, wird dies durch eine Art Erklärung mit den Unterschriften der Beteiligten bestätigt. Jetzt müssen sich auch alle daran halten.

Die Erfahrung aus diesem Vorgehen zeigt laut Dr. Sauter, dass ein gewisser gesellschaftlicher Druck, der durch diese gemeinsame Erklärung ausgeht auch positive Auswirkungen in Sachen Jagd hat. So werden die Gründe dafür, warum es auf der ein oder anderen Fläche nicht klappt bei gemeinsamen Begängen mit den Beteiligten aufgezeigt. Dann wird meist schnell klar, dass an der Stellschraube Jagd noch zu drehen ist.

Es wäre zu begrüßen, wenn die Projekte der Bergwaldoffensive sinnvoll fortgeführt werden können. Letztes Jahr wurden allerdings die Verträge sämtlicher Projektmitarbeiter aus arbeitsrechtlichen Gründen nicht verlängert. Auch neue Verträge können nur befristet bis maximal 2 Jahre abgeschlossen werden. Für die meisten Projekte ist das viel zu kurz und daher ist zu hoffen, dass die Erfolgsstrategie Bergwaldoffensive nicht durch behördeninterne Koordinationsprobleme gestoppt wird. Ob die Ankündigung von Staatsministers Brunner zu einer Erhöhung der Planstellen im bayerischen Forstbereich von ca. 200 Stellen durchgesetzt wird, oder lediglich ein Wahlversprechen bleibt, ist abzuwarten.

Fachvortrag 2: Schalenwildreduktion als Beitrag zur Humuspflege und Steigerung der Bodenfruchtbarkeit im Gebirgswald, Prof. Dr. Jörg Prietzel, Lehrstuhl für Bodenkunde, TU München

Der Klimawandel macht sich im bayerischen Alpenraum jetzt schon viel stärker bemerkbar, als im Flachland. Nicht nur die mittleren Jahrestemperaturen steigen, vor allem im Sommerhalbjahr kommt es zu deutlichen Temperaturanstiegen. An verschiedensten Klimastationen im gesamten bayerischen Alpenraum konnte dieses Ergebnis festgestellt werden. Da ein Anstieg der Temperaturen sich unmittelbar auf die Humusbildung, Mineralisation und die Bodenfruchtbarkeit auswirkt, muss die Diskussion über den Erhalt der Funktionen des Bergwaldes eigentlich schon bei dem Punkt anfangen, von dem grundsätzlich alles ausgeht. Denn ohne einen fruchtbaren und überhaupt durchwurzelbaren Boden kann kein Bergwald entstehen, der die geforderten Funktionen erfüllen kann.

Der Vortrag von Prof. Dr. Jörg Prietzel zeigte auf, dass überhöhte Schalenwildbestände eben nicht nur augenscheinliche Auswirkungen auf den Bergwald selbst, in Form von Verbiss- oder Schälschäden hat, sondern auch enorme Auswirkungen auf die Humusneubildung und Bodenfruchtbarkeit hat.

Der Humus ist als Wasser- und Nährstoffspeicher besonders in den flachgründigen und mineralbodenarmen Gebirgsböden wichtig. Prof. Dr. Prietzel attestierte selbst den ungestörten Gebirgswäldern der Bayerischen Alpen einen „schleichenden“ Humusschwund mit durchschnittlich -15% in den letzten drei Jahrzehnten. Diese Erkenntnis zieht er aus zahlreichen Fallstudien, die schon seit vielen Jahrzehnten im Alpenraum angelegt und durchgeführt werden. Das heißt, dass der Bergwald ein deutliches Problem hat: Er verliert immer mehr Humus und auch durchwurzelbaren Bodenraum!

Beispielhaft an den Versuchsstandorten Seinsberg (Karwendel; Lkr. Garmisch-Partenkirchen) und Langenau (Mangfallgebirge, Lkr. Miesbach) verdeutlichte Prof. Dr. Prietzel bei der Humusneubildung und der Nährstoffversorgung der Bäume die starke Diskrepanz zwischen einem intakten Bergmischwald und einem durch zu hohe Schalenwilddichten überalternden Bestand ohne ausreichend Verjüngung.

Ausgehend von Kahlhieben in den 1950er Jahren wurden auf den oben genannten Standorten gezäunte und ungezäunte Versuchsflächen angelegt. Die Vergleichsflächen im Zaun waren in allen Fällen geprägt von einer deutlichen Humusakkumulation und einer Standortsverbesserung im Gegensatz zur weiter fortschreitenden Bodendegradation außerhalb des Zauns. In den ungezäunten Bereichen kam es wegen des Wildverbisses trotz versuchter Pflanzungen und ansonsten gleicher Behandlung zu starker Bodendegradation und Humusverlusten.

Der Einfluss des Schalenwildes konnte zwar in den gezäunten Bereichen, wie im Bergwald üblich nie komplett ausgeschlossen werden, aber selbst eine deutliche Reduktion des Verbissdrucks ermöglicht aber so eine Humusneubildung und verbessert die Bodenfruchtbarkeit. Hohe Schalenwildbestände unterbinden demnach diese Entwicklung. Daraus ist zu schließen, dass durch einen angepassten Schalenwildbestand und den daraus folgenden steigenden Humusvorräten bzw. Auflagemächtigkeiten, erhöhten Carbonatgehalten im Boden und verbessertem C/N-Verhältnis, es erst ermöglicht wird, eine sich etablierende Naturverjüngung ausgewogener zu ernähren. Erst daraus können vitale, wuchskräftige Bergmischwälder entstehen.

Eine dauerhafte Überschirmung durch einen gut strukturierten Bergmischwald hat auch noch weitere Vorteile. So waren die gemessenen Bodentemperaturwerte im Zaun viel konstanter und durchschnittlich kühler, als außerhalb des Zauns. So kann zum Beispiel der Nährstoffverlust und die Humusumsetzung, ausgelöst durch zu hohe Bodentemperaturen, minimiert werden. Auch mechanische Einflüsse, wie etwa das Schneegleiten oder der Schneeschurf konnten durch eine ausreichende Verjüngung im Zaun und einer daraus resultierenden Erhöhung der Oberflächenrauigkeit verringert werden.

Zu einer humuspfleglichen Forstwirtschaft auf besonders sensiblen Standorten in den Kalkalpen gehört laut Prof. Dr. Prietzel die Vermeidung offener, nicht überschirmter Flächen, die Minimierung von Kalamitätsrisiken durch eine diverse Bestandsstruktur und der Sicherung und dem Erhalt eines artenreichen Verjüngungsvorrates. Bei der Holzernte ist darauf zu achten, dass immer ausreichend Ernterückstände sowie Totholzanteile im Bestand verbleiben. Außerdem ist eine Trennung von Wald und Weide zu wahren.

So kam Prof. Dr. Prietzel zum Schluss, der Mut macht und die Waldbewirtschafter im Bergwald motivieren soll. Es ist selbst auf degradierten Standorten innerhalb relativ kurzer Zeit von nur drei bis vier Jahrzehnten möglich, nach einer Reduktion des Schalenwildbestands und unter Wahrung der oben genannten Punkte einer humuspfleglichen Forstwirtschaft, eine deutliche Verbesserung des Bodens zu erreichen. Innerhalb dieser wenigen Jahrzehnte war es an den Versuchsflächen im Zaun mit deutlich geringerem Schalenwildeinfluss möglich, allein aus Naturverjüngung strukturreiche Mischwälder mit einem hohen Anteil der Klimaxbaumarten Fichte, Buche und auch Tanne zu etablieren. Jetzt kann dieser entstandene Bergwald seine Schutzfunktion erfüllen.

Dass der Schalenwildbestand auch nachhaltig niedrig gehalten werden muss, versteht sich von selbst. Was würde es langfristig nutzen, wenn im Alter 50 die verbissempfindliche Zeit endlich überstanden ist, aber die Schälschäden wieder zunehmen?

Fachvortrag 3: Das Jagdkonzept am Forstbetrieb Schliersee, Stephan Breit, Stellvertretender Betriebsleiter am Forstbetrieb Schliersee, BaySF

Der stellvertretende Forstbetriebsleiter Stephan Breit stellte sich zu etwas späterer Stunde dem aber immer noch sehr interessierten Publikum mit seinem Vortrag über das Jagdkonzept des Forstbetriebs Schliersee.

Das Jagdkonzept ist in vielen Dingen fortschrittlich. Ein aufwendig durchgeführtes, jährliches Verbissmonitoring zeigt Trends auf und ermöglicht so auf Problemflächen ein schnelles Eingreifen. Eine klare Regelung bei den Verantwortlichkeiten ermöglicht ein genaues Controlling und soll die zuständigen Mitarbeiter motivieren. Die Erfüllung der Abschusszahlen und die Verbesserung der Verbisssituation sind dabei die wichtigsten Kriterien.

In seinen Ausführungen zeigte er die langjährigen Ergebnisse aus den Traktaufnahmen zur Verbisssituation im gesamten Forstbetrieb. Auch wenn die Schritte nur klein erscheinen, war eine Verringerung des Verbisses zu erkennen. Dass man sich auf guten Ergebnissen nicht ausruhen darf, zeigen jedoch immer wieder vorkommende Ausreißer. So ist es bei entsprechender Witterung innerhalb nur eines Winters möglich, auf Teilflächen extrem hohe Verbissprozente zu erhalten, was bis zum Komplettausfall einer (gepflanzten) Verjüngung führen kann.

Diskussionsstoff gaben die über die Jahre andauernd hohen Verbissprozente bei der Tanne, die gerade im Bergmischwald eine enorm wichtige Rolle einnimmt. Nach Auffassung vieler Teilnehmer muss es doch möglich sein, da man die kompletten Flächen in Eigenregie bejagt, dass bei konsequentem Vorgehen der Verbiss noch deutlicher sinkt.

Was ebenso als ein Kritikpunkt beim Jagdkonzept des Forstbetriebs Schliersee bleibt, ist die immer noch praktizierte Einzeljagdgastführung auf Trophäenträger und die Vergabe von Pirschbezirken in Problemflächen, z.B. in Sanierungsgebieten. Jagdgastführungen binden sehr viel Arbeitszeit und der Nutzen für den Bergwald ist nur sehr gering. Lediglich die Einnahmen aus der Jagd sind höher. Langfristig gesehen kann dies für eine nachhaltige Bewirtschaftung des Bergwaldes mit der Erfüllung all seiner Funktionen aber nur eine Milchmädchenrechnung sein. Auch die Bejagung der Problemflächen muss unbedingt von eigenem Personal ausgeführt werden, da nur so eine konstante Verringerung des Schalenwilddrucks gewährleistet sein kann.


Was bleibt?

Abschließend kann man nur hoffen, dass die Schutzwaldsanierung auch in der Gesellschaft weiterhin einen hohen Stellenwert behält und dass es bei deren Umsetzung auch in Zukunft Instrumente, wie die Schonzeitaufhebungsverordnungen der Regierungsbezirke geben wird. Die Verordnung tritt in Oberbayern am 21.Februar 2019 außer Kraft. Der ÖJV Bayern plädiert an die Verantwortlichen schon frühzeitig die Verlängerung der Verordnung einzuleiten, um dadurch eine nahtlose Bejagung in der besonders verbissempfindlichen Zeit im Frühjahr 2019 zu ermöglichen.

Der Ökologische Jagdverein Bayern dankt allen Referenten und Teilnehmern für das Interesse an den forstlichen und jagdlichen Themen rund um den Bergwald, aber auch für die Diskussionsfreudigkeit. Es war eine auf ganzer Linie stimmige Veranstaltung.

Markus Philipp
(Fachreferent ÖJV Bayern)

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