Aktuell

Maßnahmenblatt Waschbär

Stellungnahme des ÖJV Hessen

Das aufgeführte „Sündenregister“ des Waschbären wird überwiegend mit lokalen, kleinräumigen Untersuchungen belegt, die fachlich unzureichend sind, um sein Gefährdungspotential für das Ökosystem in der Bundesrepublik zu beschreiben. Exemplarisch sei hier auf die Sumpfschildkröte hingewiesen, die nur noch als kleiner Restbestand in Brandenburg vorkommt, was keinesfalls Prädatoren anzulasten ist, sondern der ökologischen Verschlechterung ihres Lebensraums. Ihr aktuelles Verbreitungsgebiet überschneidet sich mit weniger als einem Prozent der durch Waschbären besiedelten Fläche. Eine bundesweite Bekämpfung der Kleinbären kann damit nicht begründet werden. Der ÖJV Hessen befürwortet gleichwohl ein effektives Prädatoren-Management im Habitat der Sumpfschildkröte, das Schutzzäunung und straffe Bejagung einschließt. Das gilt sinngemäß für alle kleinräumig bedrohten Arten, wie etwa Feldhamster und Kiebitz, rechtfertigt aber keineswegs die Aussetzung der Schonzeiten für Beutegreifer auf großer Fläche (Negativbeispiele: Rhön, Wetterau) oder gar landesweit. Lokales Prädatoren-Management muss wissenschaftlich begründet und begleitet werden. Eine transparente Erfolgskontrolle ist zwingend. 

 

Auch der Verfasser des Maßnahmenblattes hat die Unzulänglichkeit der heran gezogenen Quellen offensichtlich erkannt. So fasst er deren Ergebnisse überwiegend vage zusammen: Waschbären seien „vermutlich“ oder „wahrscheinlich“ am Rückgang bedrohter Arten beteiligt – zumindest würden sie „als Verursacher angenommen“. 

 

Die vagen und lokal begrenzten Ergebnisse rechtfertigen keine generelle Beurteilung des Tieres als „invasive Art“. In seiner Zusammenfassung zur vermuteten Bedrohung geschützter Vogelarten kommt denn auch der Verfasser zu einer Beurteilung, die die Listung des Waschbären durch die EU-Verordnung generell in Frage stellt: 

 

„Inwieweit dadurch großräumig eine Gefährdung dieser Arten verursacht wird, ist ungeklärt. Die schon längerfristig bestehenden Verbreitungsschwerpunkte mit hohen Dichten des Waschbären in Brandenburg und Hessen weisen keine geringere Verbreitung von Graureiher und Greifvogel-Arten auf (Gedeon et al. 2014), verglichen mit den Bereichen Deutschlands, in denen dieses Neozoon noch selten ist.“

 

Umso mehr verwundert, dass die führende deutsche Waschbär-Forschung im Maßnahmenblatt überhaupt nicht erwähnt wird. Die langjährigen Nahrungsanalysen in Mecklenburg-Vorpommern hätten ein weit klareres Bild der Tierart gezeichnet. Sie wären daher auch geeignet, dem jagdpolitischen Missbrauch des Waschbären Einhalt zu gebieten, der zur Rechtfertigung der Fallenjagd von konservativen Jagdverbänden zum „allestötenden Monster“ aufgeblasen wird.

 

Beispielhaft verweisen wir auf die „Analyse von Exkrementen gefangener Waschbären“ von Anett ENGELMANN (Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, Juni 2011), die belegt, dass in der Biomasse der Waschbärnahrung die wirbellosen Tiere (Würmer, Insekten: 43,7 %) und die Pflanzen (Obst, Nüsse, Mais: 41,3 %) im Vordergrund stehen. Wirbeltiere machen nur 15 % aus.

 

Unter den wenigen Wirbeltieren dominierten die Amphibien (4,8 %), gefolgt von Säugetieren (meist Mäuse: 3,5 %) und Fischen (3,4 %). Vögel waren nur mit 1,8 % vertreten, Reptilien mit 0,8 %.

 

Eine weitaus umfassendere Untersuchung der Diplom-Biologin Berit MICHLER wird demnächst veröffentlicht. Sie ist als Dissertation bereits vorgelegt und wurde von der Verfasserin bei einem Expertengespräch im Hessischen Landtag am 03.11.2017 in einem Referat zusammengefasst. Abschließendes Fazit:

Im langjährigen Untersuchungsgebiet des Müritz-Nationalparks gibt es keine Hinweise auf einen negativen Einfluss des Waschbären auf die Ökologie.

 

12.11.2017 / ÖJV Hessen

 

 

Literaturhinweis:

Dipl.-Biologin Berit MICHLER:  Koproskopische Untersuchungen zum Nahrungsspektrum des Waschbären (Procyon lotor L., 1758) im Müritz‐Nationalpark (Mecklenburg‐ Vorpommern) unter spezieller Berücksichtigung des Artenschutzes und des Endoparasitenbefalls. (noch nicht publiziert)

 

Hilfsweise TAZ vom 16.07.2017: http://www.taz.de/!5426449/