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„Der stärkste Nahrungskonkurrent des Regenwurms ist das Reh“

Fachtagung zum Tag des Bodens in der Gemeinde Fuchstal, Landkreis Landsberg am Lech
„1 Jahr Links-4-Soils - Ergebnisse und Diskussionen“ am 5.Dezember 2017

Das Thema Boden wird bei der Diskussion um angepasste Schalenwildbestände häufig völlig vernachlässigt. Das Herbstseminar 2017 des ÖJV Bayern in Schliersee hat nochmal klar gemacht, dass der Schalenwildverbiss nicht nur direkten Einfluss auf die Verjüngung in Form des tatsächlichen Verbisses hat, es hat auch enormen Einfluss auf die Humusneubildung und auf die Nährstoffversorgung der Pflanzen (siehe Bericht zum Herbstseminar). Im Bergwald hat dieser Einfluss zwar dramatischere Auswirkungen, aber auch im Flachland kann man eine deutliche Korrelation zwischen hohem Verbissdruck und einem schlechteren Bodenzustand erkennen. Kommen wegen des hohen Verbissdrucks Mischbaumarten erst gar nicht auf, überwiegt die schlecht zersetzbare Fichtennadelstreu und der Oberboden versauert.

Der ÖJV hat die Bedeutung des Bodens als wichtigen Bestandteil in der Wald-Wild-Diskussion erkannt und nahm die Einladung zum Tag des Bodens gerne an, an dem das Interreg-Projekt „Links4Soils“ (Alpine Space) vorgestellt wurde. Die beteiligten Gemeinden Fuchstal, Scheuring, Igling und Obermeitingen im Landkreis Landsberg am Lech stellen dort Teile ihrer Waldflächen für wissenschaftliche Versuche zur Verfügung. Studenten aus Weihenstephan führen dort dann die Aufnahmen zur Durchwurzelbarkeit, Wasser- und Nährstoffversorgung und auch zur Vegetation durch und schreiben Master- oder Bachelorarbeiten darüber. Initiator vor Ort ist der Förster Ludwig Pertl. Bereits in seiner aktiven Zeit als Revierleiter des damaligen Forstreviers Kaufering hat er bei der Bewirtschaftung der ihm anvertrauten Wälder ein ganz besonderes Augenmerk auf den Boden und den darin vorkommenden Lebewesen, besonders den Regenwürmern gehabt.

Die Fachtagung gestaltete sich als eine interessante Mischung aus Exkursion und anschließenden Fachvorträgen, gekrönt von einer Podiumsdiskussion, bei der Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft Rede und Antwort stehen mussten.

Exkursion
Kalt aber trocken war es am frühen Nachmittag, als die Exkursionsgruppe, bestehend aus ca. 30 Vertretern aus Politik, Verbänden, Presse und einigen interessierten Privatpersonen mit dem Shuttlebus vom Veranstaltungsort direkt in den Wald gefahren wurden. Dort wurde die Gruppe an verschiedene Waldflächen geführt und gezeigt, wie sich die oberirdische Vegetation auf das unterirdische Bodenleben und auf den Boden selbst auswirkt und umgekehrt. Diverse Messgeräte von der Zuwachsmessung über den Wasserhaushalt, sogar bis hin zur Feinstaubmessung waren installiert, um sämtliche Einflüsse auf den Wald und auf den Boden genauestens beobachten und dokumentieren zu können. Ludwig Pertl stellte zusammen mit einem Studenten der FH Weihenstephan die bisherigen Ergebnisse aus einem Jahr Projektlaufzeit vor.

Vorträge und Podiumsdiskussion
Bei den Vorträgen wurde das Interreg-Projekt detailliert dargestellt und dessen Internetplattform präsentiert (www.alpinesoils.eu). Die Koordinatorin des Projekts Sophia Neuner von der Universität Innsbruck und der Mitarbeiter der Tiroler Landesregierung Dr. Peter Hajek erläuterten die einzelnen Phasen des Projekts und machten deutlich, dass der Boden in der Politik eine stärkere Lobby braucht.

Ludwig Pertl machte die interessierten Zuhörer immer wieder darauf aufmerksam, dass allein der Zustand des Bodens über den wirtschaftlichen Erfolg und den ökologischen Nutzen entscheidet. Nur ein intakter Boden kann sämtliche Ökosystemleistungen, die die Gesellschaft an ihn hat, erfüllen.

In der anschließenden Podiumsdiskussion nahmen folgende Personen teil: Ludwig Pertl (eh. Forstrevierleiter Kaufering und Initiator des Projekts vor Ort), Erwin Karg (Bürgermeister der Gemeinde Fuchstal), Michael Kießling (MdB, CSU), Günter Biermayer (Leiter des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Fürstenfeldbruck) und Martin Mall (Geschäftsführer der Waldbesitzervereinigung Landsberg am Lech w.V.), geleitet wurde die Diskussion von Sophia Neuner von der Universität Innsbruck. Im gut besuchten Gastraum des Gasthauses „Zum Blätz Restauration“ waren Vertreter der Politik (Bürgermeister und Gemeinderäte aus den Projektgemeinden) und aus dem Umweltministerium, verschiedener Naturschutzverbände und der Presse vertreten.

Dass der Boden als Grundlage für sämtliches Leben einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft haben muss, wurde dabei als Selbstverständlichkeit angesehen. Beim Thema Bodennutzung gingen die Stimmen schon weiter auseinander. Zum einen wurde diskutiert, wie intensiv ein Boden bewirtschaftet werden darf, was man ihm sozusagen zumuten kann, ohne langfristig eine Verschlechterung zu erwarten. Dabei wurde zum Beispiel das Thema ökologische Landnutzung in Bezug auf die nachhaltige Bodenvitalität als ein sehr zukunftsträchtiges Modell angesehen. Zum anderen wurde sehr angeregt über den steigenden Flächenverbrauch diskutiert. Dem Bedürfnis der Gesellschaft an Fläche in Form von Bauland, Infrastruktur oder Gewerbegebieten steht die schützenswerte und auch schutzbedürftige Natur entgegen. Naturschutzverbände plädierten ganz klar für eine Zusammenlegung und Verdichtung der baulichen Maßnahmen, Vertreter der Politik versuchten deutlich zu machen, dass es ein schmaler Grat zwischen einem steigender Wirtschaftskraft und damit steigendem Wohlstand ist und der nachhaltigen Nutzung des Bodens ist.  

Das Thema „Boden als Grundlage ökonomischem Erfolgs versus Boden als wertvoller Ökosystemdienstleister“ wird uns gerade auch im Zuge des Klimawandels immer mehr beschäftigen.

Schnell wurde klar, dass für alle Beteiligten der Boden mehr ist als Mineralboden mit organischer Auflage. Boden wird emotional diskutiert. Um aber genau diese emotionale Diskussion auf eine sachliche Ebene führen zu können, hat Ludwig Pertl das Projekt nach Landsberg gebracht.

Günter Biermayer gab einen kurzen geschichtlichen Abriss, wie und wann im Wald angefangen wurde, den Standort und Boden genauer zu untersuchen. Bereits in den 1960er Jahren wurde in Bayern begonnen die (Wald-)Böden zu kartieren. Zuerst im Staatswald und dann im Privat- und Körperschaftswald. In den letzten Jahrzehnten wurde dann immer mehr klar, dass groß- aber auch kleinstrukturelle Bodenunterschiede eine auf den jeweiligen Standort angepasste natürliche Waldzusammensetzung vorgeben. Der Mensch hat in der Vergangenheit jedoch immer wieder versucht durch den Anbau standortsfremder Baumarten vermeintlich mehr Profit zu schlagen. Bei vielerorts anzutreffenden Reinkulturen oder zumindest Beständen mit zu hohen Anteilen der Baumart Fichte ist man durch ständige Kalamitäten weit weg von einer geregelten Bewirtschaftung. Das macht sich auch auf den Boden bemerkbar, denn Freiflächen mit einer hohen Sonneneinstrahlung verändern zum einen die Nährstoffsituation und zum anderen die Anzahl und Art der Bodenlebewesen.

Der Waldumbau hin zu stabilen Mischwäldern erscheint auch in Bezug auf den Boden unumgänglich, um als logische Konsequenz die Wirtschaftskraft des Bodens auch nachhaltig nutzen zu können. Ohne Einwände wurde dabei die Aussage hingenommen, dass, wenn der Boden und dadurch der Wald intakt sein sollen, die Jagd angepasst werden müsse.

Aber Waldumbau kostet trotzdem Geld. Daher wird der Waldumbau laut Martin Mall auch noch nicht in voller Konsequenz durchgeführt. Die Waldbesitzer sollten für die Gemeinwohlleistungen Mischwald, bzw. Waldumbau, noch in größerem Umfang finanziell entschädigt werden. Nur so könne der Wald und auch der Boden baldmöglichst alle von ihm geforderten Ökosystemleistungen erfüllen.

Der Titel meines Berichts „Der stärkste Nahrungskonkurrent des Regenwurms ist das Reh“ scheint zugegebenermaßen etwas skurril zu sein und wirkt übertrieben. Da aber die Verschlechterung und Versauerung des Oberbodens aufgrund zu hoher Schalenwildbestände und der Verbiss durch das Ausbleiben günstigerer Laubstreu direkten Einfluss auf das Bodenleben hat und zu verringertem Regenwurmvorkommen führt, ist diese Aussage von Ludwig Pertl gar nicht so weit her geholt. Das Vorkommen, bzw. die Dichte dieser für die Nährstoffversorgung und die Durchwurzelbarkeit des Bodens enorm wichtigen Lebewesens ist ein klassischer Indikator für einen intakten Boden.

Markus Philipp
Fachreferent ÖJV Bayern