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Auf der Jagd  - Wem gehört die Natur?

Kommentar zum Film von Alice Agneskirchner

Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Der Film geht einseitig vom Wild und von einer bestimmten Art der Jagd aus und berücksichtigt den Lebensraum wildlebender Tiere nicht oder nicht angemessen. Dass der Wald seine Gemeinwohlfunktionen wie Wasserspeicherung und –reinigung, Sauerstofferzeugung, Stabilisierung des Klimas grundsätzlich und auch des regionalen Klimas im Speziellen, Erholungsraum für Menschen zu sein, Schutzfunktionen vor Muren oder Lawinen und Produktion des wertvollen und gesellschaftlich begehrten Rohstoffes Holz zu erfüllen hat, wird nicht gesehen. Und es wird schlichtweg negiert, dass der Wald durch den Klimawandel vielfältigen Belastungen und Bedrohungen ausgesetzt ist. In dem Film geht es um anderes, um große Säugetiere, über weite Strecken um das Schalenwild, dem man völlig unkritisch Vorrang vor seinem Lebensraum, dem Wald, einräumt. Dass ein Zuviel an Schalenwild wie Reh, Rotwild oder Gams gewaltige Schäden verursachen kann, wird zwar in Nebensätzen erkannt, aber es werden keine Konsequenzen daraus gezogen. Gerade im Bergwald sind es die im Film genannten Schalenwildarten, die die Verjüngung behindern oder unmöglich machen. Dass der Schutzwald dann mit Steuergeldern unter enormen technischen Aufwand zum Schutz von Siedlungen und der Infrastruktur und zum Schutze der Menschen, die im Bergwald leben oder Erholung suchen, entwickelt werden muss, spielt für die Protagonisten des Filmes keine Rolle.


Natürlich kommen die Bayerischen Staatsforsten (BaySF) und die staatliche Schutzwaldsanierung vor. Allerdings sind deren Beiträge so zusammengeschnitten und positioniert, dass wesentliche Aspekte wie Entmischung und Schutzfunktionen keinen Platz haben, relativiert oder gar in Frage gestellt werden. Die Bayerischen Staatsforsten werden auf Nutzung reduziert. Und sie bekommen die Hauptprügel, weil sie angeblich das Wild, allen voran die Gams ausrotten wollen. Dass im Jagdkonzept der BaySF weite Gebiete  kaum bejagt werden, um dem Wild Ruhe zu geben, ist mit keinem Wort erwähnt. Statt dessen wird die dringend nötige intensive Bejagung und Vergrämung in den Risikogebieten bei jeder Gelegenheit schlecht geredet.


Niemand will eine dieser Wildarten ausrotten. Aber durch Verbiss, durch Schälen ganzer Bestände oder durch Kaputtschlagen junger Waldbäume beim Entfernen des Bastes vom Geweih entstehen Schäden, die weitreichende Folgen haben. Dem Schutz von Wald und Mensch dienen deshalb unsere Wald- und Jagdgesetze, die folgerichtig angepasste Schalenwildbestände fordern. Es geht und ging nie um Ausrottung. Es geht darum, über die Jagd Wilddichten herzustellen, mit denen der Wald leben, sich entwickeln und damit nachhaltig Lebensraum für Tiere oder  Erholungsraum für Menschen sein kann.


Angesichts der angeblich dramatischen Lage der Gams in Bayern stellt sich schon die  Frage, warum die Protagonisten des Films die Gams in ihren Revieren, auch in den herzoglichen, überhaupt noch bejagen? Ist das der neue Umgang mit Wildtieren, die vom  Aussterben bedroht sind? Und warum stiefelt der Berufsjäger im Film schwer bewaffnet in den alpinen Hochlagen, dem ureigensten Lebensraum der Gams, herum, obwohl sie dort auch nach Meinung der bösen Förster keinerlei Schaden anrichten?


Dass weite Teile unserer Rotwildbestände im Gebirge nicht nur gefüttert werden, sondern fast ein halbes Jahr eingezäunt in sog. Wintergattern absolut eingeengt und nicht artgemäß ihr Leben fristen müssen, wird nicht einmal erwähnt. Wahrscheinlich deshalb, weil die Befürworter hoher Rotwildbestände ganz klar sehen, dass diese außerhalb der Rotwildgatter im Winter – wie der fütternde Berufsjäger richtig sagt – „katastrophale“ Folgen für den Wald hätten, - noch katastrophalere!


Ein Offenbarungseid zum waldbaulichen Know-How liefert ein Protagonist mit seinen Ausführungen zu einer leittriebverbissenen Fichte, die in ihrem Wachstum seiner Meinung nach kaum zurückgeworfen werde und deren Beeinträchtigung gemessen an ihrer Lebenserwartung von 100 Jahren zu vernachlässigen sei. Dass mit dem Leittriebverbiss eine Wunde bleibt, über die Pilze eindringen können oder dass bei mehrmaligem Verbiss solche Pflanzen eingehen können, wird einfach verschwiegen. Dass die Fichte die Baumart ist, die ganz zuletzt verbissen wird, weist für sich genommen schon auf eine sehr hohe Schalenwilddichte hin. Wichtige Baumarten, die mit dem Klimawandel besser zurecht kommen wie z.B. die Tanne, sind aber viel verbissgefährdeter. So kommt es zum sog. Entmischungseffekt, bei dem wichtige Baumarten aufgrund des Schalenwildeinflusses einfach ausfallen. Und dass die damit geförderten entmischten Wälder anfälliger für Baumschädlinge und der zunehmenden Erderwärmung weniger gewachsen sind, spielt offensichtlich keine Rolle. Und das Thema Humusaufbau durch einen intakten Berg-Misch-Wald, wodurch Wasser gespeichert und Überschwemmungen abgefedert werden, scheint es nicht zu geben.  


Die Bedeutung der Tanne als einer absolut stabilisierenden Baumart wurde zwar bei den Dreharbeiten herausgestellt – dafür war aber im Film kein Platz. Und dass die Tanne aufgrund des Wildverbisses immer mehr zurückgeht und zur bedrohten Art wird, war auch keiner Erwähnung wert. Dafür wird das Bedrohte mit der angeblich bedrohten Gams umso mehr in den Fokus gestellt.


Aufgabe der Jagd ist es, die Verjüngung und den Aufbau unserer Wälder zu fördern (BJagdG §1; BayJG Art. 1). Dazu muss man Tiere töten und dazu muss man effektiv jagen, vor allem im Gebirge, wo Wildschutzmaßnahmen wie Zäune aufgrund der hohen Schneelagen so gut wie nicht einsetzbar sind. Dazu braucht es Jäger, die ihr Handwerk verstehen. So dilettantisch, wie Frau Dr. Miller auf der Bewegungsjagd in Groß Schönebeck auf ihrem Drückjagdbock herumtut, gelingt das natürlich nicht. Doch ungeachtet des eigenen Dilettantismus, maßt sie sich wie eine moralische Übermutter an, kopfschüttelnd und verbal das Schießen anderer zu verurteilen. Und zudem wundert man sich, dass sie überhaupt auf hochflüchtiges Schwarzwild anlegt, obwohl sie normalerweise das Schießen auf flüchtiges Wild in Bausch und Bogen als unweidmännisch verurteilt.


Ich bin evangelischer Theologe und gläubiger, bekennender Christ. Gerade deshalb schaudert es mich regelrecht, wenn ich an die Szenen nach der Hubertusmesse zurückdenke, wo mir beim Anblick des von jagenden Fackelträgern umstellten Tierkadavers, eines mächtigen Hirsches,  unweigerlich Assoziationen zum Tanz um das Goldene Kalb kamen. Es wird der Trophäenträger, der Lebenshirsch verehrt, während draußen im Wald die hergefütterten und überhegten Rotwildrudel die Verjüngung des Bergmischwaldes auffressen!  Ein Bewusstsein dafür, dass auch die Pflanzen ein Teil der Schöpfung sind, scheint nicht zu existieren.


Überhaupt geht der Film von einer bemerkenswerten Engführung des Begriffes „Natur“ aus. Natur besteht demnach aus bestimmten Wildtieren, allen voran Schalenwild und Wölfen. Pflanzen, besonders Bäume, sind Beiwerk, das keiner besonderen Betrachtung und keiner Wertschätzung bedarf. Eben weil die herkömmliche Jagd - offensichtlich bis in unsere Tage - genau diese fehlende Wertschätzung vermissen lässt, hat sich der Gesetzgeber zu dem Grundsatz Wald-vor-Wild gezwungen gesehen. Wald-vor-Wild war nötig, weil der Wald zur Kulisse der Trophäen-Jagd und der damit verbundenen hohen Schalenwildbestände degradiert wurde. Genau diese Klientel bedient der Film.


Dass Kinder mit dem Töten von Tieren grundsätzlich emotional stark berührt werden und auf die Tötung von Bambis Mutter umso mehr reagieren, ist leicht nachvollziehbar. Aber wie würden diese Kinder reagieren, wenn Bambi seinen Vater nie mehr sehen würde, weil Teile seines Kopfes die Trophäenwand eines Jägers zieren müssen? Dass die Protagonisten des Filmes auf die Bambi-Mentalität setzen und die gezeigten Kinder instrumentalisieren, wirft ein ganz fragwürdiges Bild auf die Macher des Filmes. Es entsteht der Eindruck, dass fehlende Argumente durch Emotionen ersetzt werden sollen.


Nachdem es scheinbar nur eine Wildbiologin gibt, die weiß, was Sache ist, taucht auch nur eine auf. Und unter den Jägern scheint es auch nur eine Sorte zu geben, nämlich die, die hohe Schalenwildbestände wollen und denen der Wald zweitrangig ist. Dass es im Gebirgsraum viele bodenständige Jäger, viele auch am Wald orientierte Jäger gibt, die ihren Wald stabil entwickeln möchten und deshalb angepasste Schalenwilddichten anstreben, erfährt der unbedarfte Zuschauer an keiner Stelle. Und dass es Waldbesitzer gibt, die sich teils seit Generationen intensiv um ihren Wald kümmern und damit dem Wild Lebensraum bieten, eben so wenig.


So bleibt neben schönen Bildern und Szenen der bittere Beigeschmack, dass hier Interessen einiger Weniger auf Kosten der Allgemeinheit schmackhaft gemacht werden sollen.


Ein einseitiger Film, der Partialinteressen einer trophäenorientierten Jagd vertritt und den Wald hinten anstellt.


Und dazu ein Film mit ganz viel Heuchelei.

Dr. Wolfgang Kornder
(1. Vorsitzender des Ökologischen Jagdvereines Bayern)