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Wem gehört die Natur?

Nicht diesen Jägern!

Kommentar zum Film von Alice Agneskirchner: Auf der Jagd - Wem gehört die Natur?

Der Film versucht den schrecklichen Eindruck zu relativieren, den die Jäger bei den Lesern von „Bambi“ von Felix Salten und Walt Disney hinterlassen.

Natur erscheint  in dem Film eher als Jagdkulisse. Es werden Agrarwüsten gezeigt oder nicht zuletzt auch durch überhöhte Wildbestände devastierte naturferne Wälder. Am Natur nächsten sind noch steile Gebirgskare  mit kopfzahlreichen Gamsrudeln, deren Ausrottung durch falsche Jagdstrategie allerdings in folgenden Abschnitten des Streifens vorher angesagt wird.

Als Ziele der Jagd nach Agneskirchner gelten Regulation der Populationen der Wildtiere um Krankheiten zu vermeiden und Produktion von gesundem, tierschutzfreundlich erzeugtem Fleisch. Die Jagd sei, etwa im Vergleich zum Schlachthof, eine humane und faire Art des Tötens und liefere unbedenkliche Nahrungsmittel.

Die eigentlichen Ziele der Jagd heute werden nur am Rande erwähnt und eher abfällig kommentiert. Was der Film verschweigt:
Die Jagd von Pflanzenfressern wie Rehen, Hirschen und Gams dient heute der Erhaltung und Wiederherstellung von artenreichen, gemischten Wäldern, die den Herausforderungen des Klimawandels gewachsen sind, der Erhaltung der Schutzfunktion der Wälder im Gebirge und der Vermeidung von Schäden in der Landwirtschaft.
Anders als der Film es darstellt, will die moderne Forstwirtschaft gesunde stabile Mischwälder und dient nicht ausschließlich aber auch der Holzproduktion.

 Als Folge dieser Fehleinschätzung  werden lange bekannte wildbiologische Erkenntnisse aber auch viele waldfreundliche Maßnahmen in der Praxis wie das Vegetationsgutachten oder die Schutzwaldsanierung diskreditiert.

Es wird so getan als könne man Rehe und Hirsche durch reine Beobachtung zählen. Seit vielen Jahrzehnten sagen wildbiologische Forschungen das Gegenteil. Eben weil man Rehe und Hirsche nicht mit einfachen Methoden zählen kann, wurde das Vegetationsgutachten eingeführt, das sicherstellen soll, dass die gesetzlich festgeschriebene Zielsetzung der Jagd auch erreicht wird.
Es wird versucht  gerade an einer Fichte zu demonstrieren wie wenig der Verbiss den Zuwachs beeinflusst. Es ist schon ein schlechtes Zeichen, wenn sogar die für das Wild wenig attraktive Fichte verbissen wird. Verschwiegen werden die wesentlichen Folgen des Verbisses: Entmischung des Jungwaldes, Tannen und Laubbäume verschwinden, es bleiben reine, unstabile Fichtenwälder, die der Klimaänderung nicht gewachsen sein werden. Es drohen Bodenversauerung und Humusschwund und damit Verlust an Bodenfruchtbarkeit. Selbst Regenwürmer werden geschädigt.
Das Haupthindernis bei der Erreichung zukunftsorientierter waldbaulicher Ziele sind zu viele Rehe, Hirsche und Gämsen. Da gibt es keinen vernünftigen Zweifel.
Nicht zuletzt kommt es wegen überhöhter Schalenwildbestände  bei uns aber auch zu vielen Verkehrsunfällen auch mit Toten. Auch das kommt natürlich nicht zu Sprache.

Der Film beklagt sich darüber, dass die Abschusspläne ständig erhöht worden sind. Dies ist aber lediglich Folge der ständig steigenden Wilddichten und ein Zeichen dafür, dass viele Jäger nicht in der Lage oder willens sind, die Wildbestände wirkungsvoll zu regulieren.

Auch ein andere Irrtum wird wieder einmal weiter verbreitet: Die Fütterung von Rehen und Hirschen diene der Minderung des Verbisses. Dafür gibt es keinen wissenschaftlichen Beweis, wohl aber für das Gegenteil. Fütterungen führen zu unnatürlichen Wildkonzentrationen und zu verheerenden Wildschäden. Es ist eine Schande, dass gerade ein Berufsjäger  in dem Film diesen verheerenden Schwachsinn weiter verbreitet.

Im Film wiedersprechen sich Bild und Forderung der Autorin  bei den Gams. Beschworen wird, dass zu hoher Abschuss von Jungtieren zur Ausrottung der Gams  führen müsse. Passagen des Films mit dicht besiedelten Gamslebensräumen und meterlange Wände  mit Gamskrickeln bei einer Trophäenschau im Wirtshaus widersprechen dieser These schon rein optisch.
Zudem ist es aber schon rein deswegen sinnvoll Jungtiere verstärkt zu bejagen, weil dies einen natürlichen Regulationsmechanismus bei der  Bestandsentwicklung simuliert. Gerät eine Population in Stress, sterben zunächst die Jungen aber auch die Alten. Der für die Erhaltung wichtigste Teil des Bestandes bleibt erhalten. Auch im Film selbst sind keinerlei Anzeichen dafür erkennbar, dass die Gams irgendwo ausgerottet werden könnten, auch wenn ihre „Königliche Hoheit“ es bedauert, dass die Gams nicht mehr wie früher die steilen Lahnern wie Haare auf dem Hund bevölkern

Der Film hätte sich den wirklich bedrohten Tierarten wie Hasen oder Rebhühnern widmen müssen, denen die Agrarindustrie den Garaus macht oder auf großer Fläche schon gemacht hat.

Eher ambivalent die Meinung des Films zum Wolf. Sympathisch wirkt eine Wolfbeauftragte aus Brandenburg, die sich sichtlich darüber freut, dass der graue Jäger wieder durch die Wildbahn streift. Sie freut sich über jedes Chorheulen. Unterschwellig erzeugt der Film aber eher Ängste vorm Wolf. Die Kommentare eines Jägers erschrecken. Er warnt vor Angriffen auf den Menschen durch Wölfe und noch schlimmer vor Folgen für die Jagdpachtpreise.

Im ganzen Film wird der  konservativen Jagdkultur einer Art Lodenfraktion das Wort geredet. Befremdend ist, dass großes Gewicht nicht nur auf das wärmende Tuch sondern auf jagdliches Ritual gelegt wird wie den „letzten Bissen“ nach einem Abschuss, Hörnerklang allenthalben und am Schluss als trauriger Höhepunkt „Erntedank“ für einen starken Trophäenhirsch, der tot, aufgebahrt in einer katholischen Kirche den staunenden Gläubigen präsentiert wird. Ein Zusammenhang mit der Botschaft der Bibel bleibt verborgen. Es scheint aus dem Gedächtnis geschwunden zu sein dass vieles von dem „traditionellen“ Brauchtum der Jäger, wie auch die jährliche rituelle Zwangsbesichtigung von Trophäen aus Hermann Görings Zeiten stammt und von Walter Frevert einem Kriegsverbrecher in einem kleinen, grauenerregenden Büchlein vorgestellt und zusammengefasst wurde.

Der Film schildert die Jagd im Wesentlichen aus der Sicht des Tegernseer Tals. Es gibt aber auch Alternativen: Die naturnah jagenden Damen der First Nation in Kanada, die der Film in einer kurzen erfrischenden Episode vorstellt, hätten viel zum Lachen gehabt, hätten sie den Film je zu sehen bekommen. Dieser wohltuende Abschnitt des Films zeigt, dass die Jagd auch ohne Loden und Hörnerklang Spaß machen kann. Außerdem scheinen die Frauen die Möglichkeit ausgiebig genutzt zu haben, sich über das Bleichgesicht, die Autorin des Films, lustig zu machen.  

Klaus Thiele