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Das Reh „Wildtier des Jahres 2019“

Am 28.Nov.2018 hat die Deutsche Wildtierstiftung das Reh zum Wildtier des Jahres 2019 ernannt. Die Ernennungsschrift berichtet, dass es reichlich Rehe gibt, dass sie viele Lebensräume besiedeln, sich von besonders nahrhaften Pflanzen ernähren, dass sie im Winter ihren Stoffwechsel auf Sparflamme schalten um Energie zu sparen und dass leider noch zu wenig über diese Hirschart bekannt ist. Beklagt wird, dass viele Rehkitze bei der hochmechanisierten Mahd den Mähtod sterben.
Diese Informationen zum Reh reichen leider nicht aus.


Das Reh - eine außerordentlich erfolgreiche Säugetierart


Das Reh gehört zweifellos zu den erfolgreichsten Tierarten in unserer Kulturlandschaft. Wichtige Indikatoren sind die Jagdstrecken. In der Bundesrepublik Deutschland lagen laut einschlägigen Statistiken im Jahr 2015/16  1.188.066 Stück auf der Strecke, im Jahr 2016/17 schon 1.214.458. Das sind fünf Mal mehr als die Strecke der bekannt vermehrungsfreudigen Feldhasen.
In Bayern wurden 2013/14  305.079 Rehe erlegt, 2017/18  323.721.

Rehe können überall leben, von der Waldgrenze im Hochgebirge bis an das Wattenmeer, von den Stadtparks der Großstädte bis in die Urwälder der Nationalparks.


Gründe für die wundersame Vermehrung der Rehe

Wie alle Tierarten können Rehe sich selbst regulieren. Wildbiologen gehen davon aus, dass bei schlechten Lebensbedingungen, wie wenig Nahrung vor und in der Setzzeit etwa wegen zu großer Dichten oder bei nasskaltem Frühjahr und Sommer viele Kitze kurz nach der Geburt sterben, ohne dass dies auffällt.

Bei günstigen Bedingungen gleichen dies eindrucksvolle Vermehrungsraten wieder aus. Zwei Kitze je Geiß und Jahr sind die Regel, 3 nicht selten. Schon einjährige Stücke können beschlagen, also trächtig werden. Innerhalb eines Jahres kann sich ein Rehwildbestand demnach verdoppeln.
Deutlich verbessert haben sich die Qualität und die Menge der Nahrung der Rehe. Durch den hohen Stickstoffeintrag aus der Luft wachsen mehr und energiereichere Pflanzen in Wald und Flur, die bevorzugte Äsung der Rehe.

Vielfach wird zusätzlich im Winter gefüttert, manchmal sogar - obwohl verboten - ganzjährig.
Nicht zuletzt, wo Rot-oder Damhirsche um den Wald zu schützen reduziert wurden, verloren die Rehe ihre stärksten Konkurrenten um die Äsung. Fast explosionsartig haben sie sich vermehrt.


Welche Probleme gibt es, wenn die Rehe zu viel werden

Leben zu viele Rehe in einem Revier verkümmern  sie zu untergewichtigen Hungerformen. Werden solche Populationen ausgedünnt, steigen die Gewichte relativ schnell um über 20 Prozent, Die verbleibenden Rehe sind kräftiger, gesünder, aber wohl auch vermehrungsfreudiger.

Zu dichte Rehbestände sind das Haupthindernis bei der Umwandlung naturferner, labiler Nadelforsten in stabile gemischte Wälder. Diese werden angesichts des immer bedrohlicher werdenden Klimawandels immer wichtiger. Im forstlichen Gutachten zur Situation der Waldverjüngung Bayerns 2018 zeigen  nur 3% der jungen Fichten Leittriebverbiss aber 13 % der Tannen, nur 13 % der Buchen aber 26 % der Eichen. Aus vielversprechenden Waldverjüngungen mit Tanne, Buche und Fichte werden wegen der Selektion durch die Rehe reine, anfällige Fichtenwälder. Die stabile Eiche kann sich nicht verjüngen. Um gegen die Folgen der Klimaerwärmung vorzusorgen, ist es daher zwingend notwendig die Rehwildbestände auszudünnen.

Für  Menschen direkt gefährlich sind die Rehe im ständig dichter werdenden Straßenverkehr. Gab es 2013/14 laut Statistik des Deutschen Jagdverbandes in der Bundesrepublik noch 193.520 Verkehrsunfälle durch Rehe, waren es 2017 schon 195.420. In Bayern verursachten Rot-, Dam-, und Rehwild 2006 noch 48.871 Unfälle 2016 waren es schon 70.314. Zwei Menschen starben in diesem Jahr bei diesen Unfällen. Da Rot-und Damwild nicht flächendeckend vorkommen, dürften die Rehe in Bayern die Hauptverursacher gewesen sein. Derzeit sind Wildunfälle bei uns so häufig wie nie.
Dort aber, wo Rehe zum Schutz des jungen Waldes energisch reduziert wurden sank die Zahl der Verkehrsunfälle dramatisch.


Warum ist die Reduzierung der Rehe so schwierig?

Die dringend notwendige Reduzierung der Rehe ist alles andere als populär und einfach.
Bleibenden Eindruck bei der breiten Bevölkerung hat die von Walt Disney verfilmte Lebensgeschichte des Weißwedelhirsches „Bambi“ von Felix Salten hinterlassen. Jeder, der ein niedliches Bambi aus dem Hinterhalt abknallt, gilt als heimtückischer Mörder.

Dazu kommt, dass viele traditionelle Jäger kaum wildbiologische Kenntnisse haben. Nachdem Rehe wie gesagt eine enorme Vermehrungsrate haben und sich äußerst geschickt verstecken können, wird die Zahl der Rehe in  allen Revieren und ihr Vermehrungspotential stark unterschätzt. Viele Jäger glauben,  dass sie mit zu hohen Abschüssen die Rehe in ihrem Revier ausrotten.

Daher gilt auch der Zustand der Waldverjüngung und nicht die „Zahl“ der Rehe als Grundlage der staatlichen Abschussplanung.

Für viele Jäger gelten viele, starke Rehgehörne als Ziel der Jagd in ihrem Revier. In Bayern gibt es sogar noch die unter Hermann Göring eingeführte „Pflichttrophäenschau“. Dort werden die Gehörne aller erlegten Rehböcke ausgestellt. Die Stärksten werden mit Stolz vorgestellt und prämiert. Wer aber viele, starke Trophäen ernten will, muss viele Rehe hegen und füttern. Dort wo es kein Rotwild gibt, ist das Rehgehörn der Hirsch des kleinen Mannes.


Was kann man tun?

Viele hoffen, dass die wiederkehrenden Wölfe und Luchse die komplizierte Hausaufgabe auf biologische Art erledigen. Wölfe und Luchse fressen zwar bevorzugt Rehe. Bis jetzt ist aber nicht erkennbar, dass sie entscheidenden Einfluss auf die Rehwilddichte haben, selbst dort, wo sich die Raubtiere bereits fest etabliert haben.

Zunächst wäre es hilfreich und leicht umsetzbar die Fütterung von Rehen einzustellen bzw. bestehende Verbote durchzusetzen.

Entscheidend ist es jedoch die Jagdmethoden zu ändern. Es ist nur wenig effektiv, einsame Abende und Morgen von Hochsitzen aus an Wiesen oder Waldlichtungen auf das Heraustreten der begehrten Beute zu hoffen.
Mehr Erfolg verspricht es, den Jägern wirkungsvolle Gemeinschaftsjagden  wieder schmackhaft zu machen, bei denen Hunde die Rehe aufspüren und aus ihrem Versteck heraus drücken. Dort, wo dies gelungen ist, können viele starke Rehe geerntet werden und der Wald wächst wieder. Verkehrsunfälle gibt es kaum noch.

Rehe sind, das zeigen etwa die Bilder von Franz Marc, außerordentlich schöne, zauberhafte, grazile Tiere. Sie müssen aber, um ihre Bestände gesund zu erhalten, um die Zukunft unserer Wälder zu sichern und Leib und Leben von Menschen auf den Straßen zu schützen, wirkungsvoll reguliert werden.

Dr. Klaus Thiele