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Beobachtungen am Reichswaldfest

Stellen Sie sich vor, es ist wieder das dritte Juli-Wochenende und in Nürnberg findet das Reichswaldfest auf dem Schmausenbuck statt. Sie stehen gerade am Stand des Ökologischen Jagdvereins in Bayern (ÖJV). Das Team bietet nicht nur Ausführliches zum Wald und zur Jagd an, sondern auch ein kleines Rate-Spiel. Es geht darum, zehn einheimische Vogelarten von der Amsel über den Buntspecht und Eichelhäher bis zum Kiebitz, Habicht und Waldkauz ihrem jeweiligen Lebensraum zuzuordnen. Ursprünglich waren viele Arten Waldbewohner. Aber in den letzten 40 Jahren erlebten unsere Wälder Waldsterben, Orkane wie Wiebke und Lothar und leiden zunehmend unter Käferinvasionen, Trockenheit und Bränden. Viele Tierarten haben gelernt sich anzupassen, wanderten aus dem Wald in die (Groß-)Städte, besiedelten Gärten und Parks. Und dazu zählt der Eichelhäher.

„Der Eichelhäher ist ein böser Vogel!“ -  So die Aussage eines Rate-Spielers, als das Bild mit dem Eichelhäher an die Reihe kam. Hätten Sie das gedacht? Womit hat der Eichelhäher dieses Urteil verdient? Macht er jetzt der Elster Konkurrenz, was Eigenschaften einzelner Vogelarten angeht? Und es war nicht eine einmalige Feststellung. Sie war immer wieder zu hören und war auf eigene Beobachtungen gegründet. Wir kennen das: Was man mit den eigenen Augen sieht, glaubt man. Früher lernten Schüler, dass der Eichelhäher Eicheln als Wintervorrat im Boden vergräbt. Das machte ihn zum Helfer der Förster, weil einige Eicheln aufgingen. Auf diese Weise hat der Eichelhäher einen (kostenlosen) Beitrag zur Naturverjüngung geleistet. Früher haben Waldspaziergänger sogar eine seiner sagenhaft blauen Federn gefunden, sich glücklich geschätzt und die Feder mit nach Hause genommen.
Nun aber entwickelt sich der Eichelhäher langsam (auch) zum Stadtbewohner. Er lässt sich in manchen Stadtteilen vom Balkon aus oder im Garten leichter beobachten. Sogar beim Ausräumen von Nestern! Dieses aus menschlicher Sicht schwer zu entschuldigende Verhalten scheint sich im Bild des Betrachters/Städters zu festigen. Nur, wir  stehen am ÖJV-Stand, wobei das "Ö" für Ökologie steht. Was nun? Versuchen im (Wort-)Streit den Besucher aufzuklären? Nein, diplomatischer ist es, dem Gegenüber die ÖJV "Eichelhäher"-Broschüre in die Hand zu geben. Und wenn er/sie noch eine Tragetasche dabei hat, unsere Image-Broschüre dazu.

Der Bund Naturschutz (BN) in Nürnberg hatte zum 47. Mal eingeladen und der ÖJV war zusammen mit vielen anderen Verbänden und Organisationen an beiden Tagen anwesend. Trotz extremer Temperaturen um die 30 Grad war das Fest gut besucht. Es hätte auch die Rednerliste sein können, die die Menschen auf den Schmausenbuck lockte: Hochkarätige Sprecher wie Anton Hofreiter, Grünen Fraktionsvorsitzender im Bundestag, Hubert Weiger BUND Vorsitzender und Richard Mergner, BN-Landesvorsitzender. Alle drei haben die Dringlichkeit sofort zu handeln untermauert. Denn: Wir stecken in einer 'Klimakrise', für einen 'Wandel' haben wir keine Zeit mehr.

Ausgestopfte Tiere, Schädel + Geweihe, Füße, Felle verschiedener Tiere sind nicht alltäglich. Umso neugieriger sind Kinder. Sie interessieren sich für Einzelheiten, Eltern für Zusammenhänge wie Reh und Verbiss. Hier waren unsere anwesenden Förster und Landschaftsplaner (Heike Grumann, Max Landgraf, Franz Gmelch, Robert Lindl und Katharina Wittman) stark gefragt. Gelegentlich ging es auch um die Jagd und den Jagdschein. Uwe Köberlein, 2. Vorsitzender des Bayern ÖJV, organisiert Jagdkurse in Mittelfranken. Aber im Mittelpunkt der Gespräche stand der Zustand unserer Wälder und was noch getan werden müsste und könnte.

Beim Rate-Spiel, eine Idee von der Verfasserin, blühten manche Teilnehmer richtig auf. Nicht nur der Eichelhäher regte zum Gespräch an. Das Wissen einzelner Kinder überraschte die Eltern immer wieder. Ein Mädchen, ca. vier Jahre alt, kannte außer Kiebitz und Großer Brachvogel fast alle Vögel. Die Mutter staunte. Hat es die Namen einfach abgelesen? Wohl nicht, weil, wie die Mutter sagte, es noch nicht lesen konnte.
Eine Großmutter mit Enkelkind berichtete über eine Nacktschnecke, die das Kind an einer sonnigen Stelle im Garten in Hartmannshof gefunden hatte. Die Schnecke bewegte sich Richtung Schatten. Das Kind hatte viele Fragen, wie es eigentlich in dem Alter so sein sollte. Also setzten sich beide hin und beobachteten die Schnecke. Die Großmutter erklärte, warum die Schnecke in den Schatten wollte (sie würde ja sonst austrocknen). Es dauerte lange, bis die Schnecke den Schatten erreicht hatte. Lernt das Kind jetzt schon, dass manche Dinge, Bäume zum Beispiel, einfach Zeit brauchen? Einen eigenen Baum pflanzen, markieren, immer wieder besuchen und Tagebuch führen. Später Vegetationsgutachten anfertigen? So könnte es ausgehen.
Eine andere Mutter war mit ihrer Tochter zu Besuch bei der Großmutter. Sie wohnt in Nürnberg in der Nähe vom Reichswald. Die Mutter ist hier aufgewachsen. Sie macht sich Sorgen. Sie erinnert sich gerne an den Vogelgesang in der Frühe. Dieses Erlebnis würde sie gerne ihrer Tochter weitergeben. Und nun? Nur noch ein Viertel der Vogelstimmen sind zu hören. Und die restlichen drei Viertel der Stimmen? Was bedeutet das für Kinder heutzutage?  
Ab dem 5. Monat nehmen wir Töne und Klänge wahr. Wir verbinden sie mit dem Ort, an dem wir sie erleben. Wenn nun drei Viertel der Vogelstimmen verloren gegangen sind, können Kinder sie logischerweise nicht mit dem Wald und den Stimmen der Vögel in Verbindung bringen. Weil Kinder die Vogelstimmen nicht gespeichert haben, können sie die Stimmen nicht abrufen. Es fehlen ihnen ebenso Bilder, die auch die Namen der Vögel vermitteln würden. Warum dann überhaupt in den Wald gehen? Für die heutige Generation ist es genauso 'natürlich', Töne und Klänge aus der Konserve und völlig losgelöst von der Umgebung zu erleben. Mangels Stimuli bleibt unser inneres 'Hören' unterentwickelt.
Ein etwa 12-jähriger Junge hält sich länger am Stand auf. Sein Freund ist weniger interessiert. Er entfernt sich, geht zum Stand gegenüber. Dort, im Auftrag von Peter Wohlleben, tritt eine Frau im Kostüm der Waldfee "Holla" auf. Der Freund dreht am Glücksrad und kommt wieder, zupft seinen Freund am Hemd. Er ist im Gespräch mit Heike Grumann. Wer Heike zuhört, mit ihr diskutiert, erlebt Begeisterung pur. Und das ist ansteckend. Plötzlich klingelt das Smartphone. "Gehst du dran?" fragt Heike. "Ja," antwortet er, "es ist meine Mutter." Wo er denn sei, will die Mutter wissen. Sie unterhalten sich. Dann dreht sich der Junge um und winkt ihr zu. Sie sitzt nur wenige Meter entfernt auf einer der vielen Bänke vor der Bühne. Sie winkt zurück. Wenn Eltern zwar den Aufenthaltsort des Kindes kontrollieren, sich aber eigentlich nicht dafür interessieren, wofür ihre Kinder  .....
Da wäre noch der Vater mit seinem kleinen Sohn Frederic. Sie sind beim Rate-Spiel stehen geblieben. Frederic ist vielleicht 4 Jahre alt. Nun ist es einfach so, dass Vögel uns Menschen faszinieren, schon weil wir nicht wie sie fliegen können; weil ihr Gesang uns erfreut und ihr farbenprächtiges Gefieder uns beeindruckt. Auch wenn es nur Fotos waren, ging es Frederic nicht anders. Er war voll dabei. Bei den ersten vier bis fünf Bildern half ihm sein Vater. Dann fragte er: "Möchtest du weitermachen oder die Tiere am Stand anschauen?" Sein Sohn blickte ihn verständnislos an. Sein Vater brachte ihm zum Stand. Dort übernahm Robert Lindl die Betreuung und fing an zu erzählen. Robert gab Frederic das ausgestopfte Eichhörnchen. Frederic streichelte das Tier behutsam, fast hingebungsvoll. Und der Vater? Er hatte sich entfernt und telefonierte.

Das Reichswaldfest nennt sich Wald-Familienfest, und in der Tat können Kinder wählen zwischen Baumklettern, Masken malen, Geocaching, Basteln und den Aussichtsturm besteigen. Manchmal sind es nicht die ausgestopften Tiere, Schädel und Geweihe, die veranlassen, dass Besucher stehen bleiben.
Ein älterer Herr fragte "Was soll das sein?" und deutet auf die Schilder mit den Lebensräumen.
"Nun ja," antworte ich, "Sie sind am Stand des ÖJV." Um sicher zu gehen, ergänzte ich 'Ökologischer Jagdverein'. "Und die Vogelbilder werden den Lebensräume zugeordnet."
"Ökologisch," sagt er, "das klingt schon mal gut."
"Uns geht es um den Wald, der wenig Chance hat, wenn der Verbiss durch die Rehe zu groß ist. Wir sagen, der Wald zeigt, ob die Jagd stimmt."

"Damit kenne ich mich aus. Ich komme aus der Nähe von Rosenheim, bin Waldbesitzer. Ich habe ein Wochenendhäuschen in der Fränkischen Schweiz. Deswegen bin ich hier. Wissen Sie, in unserer Jagdgenossenschaft machen wir das so: Die meisten von uns sind Waldbesitzer und wenn der Abschuss zu niedrig ist, wird der Vertrag gekündigt. Es geht ja um unseren Wald und nicht da mit zu jagen, weil es Spaß macht."
"Schauen Sie, am Stand sind lauter Förster, die auch Jäger sind. Dort sind Sie gut aufgehoben. Erzählen Sie ihnen von der Vereinbarung in Rosenheim. Ich selber habe keinen Jagdschein."

Manche Besucher sind beim Reichswaldfest, weil sie für die Themen schon sensibilisiert und offen sind. Ein Herr mittleren Alters fragte mich: "Ökologie und Wald - wie passt das zusammen?" Er deutete auch auf das Banner, das hinten an der Wand hing. Da meinte ich, "hier passt ein Gespräch mit einem der Förster wunderbar" und begleitet ihn zum Stand.

Der Wetterbericht für Nürnberg am Sonntag, 21. Juli 2019 lautete: Überwiegend wolkig. Vom Regen war nicht die Rede. Es kam aber anders. Wir durften einen kräftigen Regenguss erleben. Die wenigsten Besucher waren darauf vorbereitet. Wir auch nicht, aber wir hatten ja unser Zelt. Dort war es wenige Minuten später eng. Fest-Besucher suchten jede noch so kleine trockene Stelle unter den Schirmen der Veranstalter auf. Immer wieder gingen die Blicke nach oben, die Frage stellte sich: Lässt der Regen jetzt nach? Auf dem Schmausenbuck wachsen seit 200 Jahren Eichen, ihr Umfang ist beachtlich. Und ihr Blätterdach? "Schütter" sagen die Förster unter uns. Kein Wunder also, dass es auf dem Festplatz recht feucht wurde.

Ein besonderes Erlebnis sollte der Höhepunkt des Tages werden. "Warst du schon oben auf dem Aussichtsturm?" fragte mich Katharina. "Es lohnt sich wirklich. Du siehst nicht nur weit, sondern auch Schillerfalter und Schwalbenschwanz." Das machte mich neugierig. Auf der Treppe war ein Kommen und ein Gehen. Oben angekommen - inzwischen war es trocken - ein wirklich herrlicher Blick in alle Himmelsrichtungen! Ortsnamen aus nah und fern fielen. Rings um den Turm herum dehnte sich der Reichswald aus, manchmal bis zum Horizont. Grüntöne wechselten sich mit den braunen Spitzen der Kiefern und Fichten ab. Plötzlich flatterte der erste Schmetterling vorbei. Groß und gelb. Er landete vor mir auf einer Baumspitze. Andere kamen dazu. Sie verweilten, schwirrten herum und flogen weiter. So viel Lebendigkeit in dieser Höhe! Möge der BN noch viele Jahre zum Reichswaldfest einladen - der ÖJV ist mit ziemlicher Sicherheit dabei.


Stand: 6. August 2019

Ann Grösch


Redaktion: Ann Grösch hat das sog. Habitat-Spiel entwickelt, das spielerisch in die Zusammenhänge von Habitaten einführt. Hier einige Hinweise dazu:

Beim Science Camp 2017 in Nürnberg übten Kinder zwischen 8 und 13 in einem Habitatspiel© den Umbau des "Steckalaswald" (fränkisch für Reichswald) in einen Mischwald. https://www.nordbayern.de/
Das Spiel kann gebucht werden. Es eignet sich ab fünf Jahren. Nach oben keine Grenze.

Beispiele: im Kita, in der Grundschule und mit Erwachsenen
http://www.habitatspiel.de/angebote/habitatspiel-oekosystem-wald-kindergarten-arche/
http://www.habitatspiel.de/angebote/oekosystem-wald-grundschule/
http://www.habitatspiel.de/angebote/oekosystem-wald-erwachsene-2/