Newsletter

Aktuell

Entgegnung zum Interview mit dem CSU Umweltexperten Dr. Georg Nüßlein: Wald-Wild-Klimawandel: "Das Problem sind die Monokulturen"

Augsburger Allgemeine Zeitung vom 24.9.2019

Fehlende Sachkenntnis, falsche Behauptungen sowie unverschämte Äußerungen kennzeichnen die dort abgedruckten Äußerungen. Sie sind richtigzustellen.

Behauptung Dr. Nüßlein, MdB CSU: "Wirklich problematisch sind ... die Fichten-Monokulturen, die die Forstwirtschaft über Jahrzehnte zur Gewinnoptimierung geschaffen hat".
Richtig ist: In staatlichen und vielen kommunalen Forstbetrieben werden seit Jahrzehnten keine Fichten-Monokulturen begründet, sondern solche Bestände in Mischbestände umgebaut. Fichten-Monokulturen sind seitens der Forstwirtschaft überwiegend im Zusammenhang mit Katastrophen (Kriege, Kalamitäten, Notlagen, etc.) entstanden, da Fichten anspruchslos auf Freiflächen mit extremem Klima gut anwachsen und so die erste Waldgeneration bilden können. Ihre Anfälligkeit ist seit über 200 Jahren allgemein bekannt und wohl kein vernünftiger Mensch setzt auf labile Bestände. Waldumbau dauert Jahrzehnte lang. Jüngere Fichten- Monokulturen sind demgegenüber vielfach der armselige Rest einstiger gemischter Jungwüchse bzw. Kulturen, bei denen durch überhöhte Schalenwildbestände (Reh-, Rot-, z.T. Gamswild) die Mischbaumarten herausgefressen wurden. Von Natur aus gibt es (fast) keine Reinbestände.

Dr. Georg Nüßlein, MdB CSU: "Die gesetzliche Vorgabe "Wald vor Wild" war also bisher aus rein ökonomischer Sicht geleitet".
Richtig ist: Die Balance machts! Unsere Lebensgrundlage sind Pflanzen. Eine Tatsache, die ökologisch Gebildete kennen. Der Grundsatz "Wald vor Wild" verdichtet genau dieses Grundgesetz. Zuerst muss die Nahrung vorhanden sein, ehe sie verzehrt werden kann. Der Schutz der Lebensgrundlage ist daher vorrangig gegenüber dem Verzehr derselben. Nichts anderes besagt "Wald vor Wild". Wilde Tiere gehören in den Wald, sie sind dort beheimatet, worüber wir uns freuen. Aber ihre Zahl muss dem Lebensraum angepasst sein. Das ist Kernaufgabe der Jagenden, insbesondere in Kulturlandschaften.
Dass der Wald in Bayern naturgemäß auch eine wirtschaftliche Komponente hat, gehört zu einem Wirtschaftswald dazu. Doch selbst in Nationalparken hierzulande muss gejagt werden. Ökonomische Gründe schlagen erst dann durch, wenn die Verhältnisse aus den Fugen geraten. Das ist leider oftmals der Fall, weil Reh- und Rotwild über ein naturverträgliches Maß hinaus "gehegt" (gefüttert und aus jagdlichen Gründen in hoher Anzahl gehalten) werden. Leergefressene Wälder sind kein Vorbild, weder ökonomisch, noch ökologisch!
Ungeachtet dessen waren es die zunehmend schlechter werdenden Schutzfunktionen im Bergwald, die dann im sog. Bergwaldbeschluss bereits 1984 den Vorrang des Waldes vor dem Wild fordern ließen.

Dr. Georg Nüßlein, MdB CSU: Das Forstliche Gutachten "...ist vor allem eine Beschäftigungstherapie für Forstleute".
Richtig ist, dass Widerstand und Uneinsichtigkeit aus Teilen der Jägerschaft und des Bayerischen Jagdverbandes ein objektives Beurteilungsverfahren von Wildschäden erforderlich gemacht haben. Das Abstreiten und Leugnen von ökologischen und für Waldbesitzer ökonomischen Folgen überhöhter Schalenwildbestände (Reh-, Rot- und Gamswild) erfordert die neutrale staatliche Beteiligung, um Grundeigentümer und Gesellschaft zu schützen. Bei angepassten Wildständen wären keine derartigen Gutachten erforderlich gewesen.
Angesichts der seit Jahren angespannten personellen Lage bei Forstverwaltungen ist die Aussage "Beschäftigungstherapie für Forstleute" eine bodenlose Unverschämtheit. Sie drückt mangelnde Sachkenntnis und mangelnden Respekt des Dr. Nüßlein in erschreckender Klarheit aus.

Dr. Georg Nüßlein, MdB CSU: "Wir müssen den ökonomischen Aspekt im Wald zurückstellen".
Richtig ist, dass der seit Jahrzehnten laufende Waldumbau genau diesem Ziel dient: ökologische Stabilität erhöhen, um wirtschaftlich stabil zu sein. Die Ergebnisse der Bundeswaldinventuren zeigten leicht nachvollziehbar, dass seit Jahrzehnten ökologische Merkmale immer besser ausgeprägt sind. Keine andere Form der Landnutzung arbeitet so naturnah und bindet gleichzeitig so viel CO2 in wertvollen Produkten wie die Forstwirtschaft. Ihre volkswirtschaftliche Leistung, ihre Bedeutung für die Biodiversität zu ignorieren oder zu vernachlässigen, ist kurzsichtig und unverständlich. Selbst Schüler wissen um diese Zusammenhänge.

Dr. Georg Nüßlein, MdB CSU: "Das Wild verhindert den Waldumbau nicht.“
Richtig ist, dass an die Landeskultur nicht angepasste Wildbestände Hunger leiden und dann auch das fressen, was sie sonst verschmähen würden. Damit ist es unmöglich, dass alle im Klimawandel benötigten Baumarten aufwachsen. Wildtiere an dieser Stelle vorzuführen, ist eine plumpe Aussage, denn Jagende sind die Handelnden! Aktive Jäger und Jägerinnen sind willkommen. Sie können einen entscheidenden Beitrag leisten.
Angepasste Wildstände erlauben es, dass sich alle heimischen Baumarten natürlich verjüngen. Zäune und weitere unnatürliche Hilfsmittel müssen i.d.R. vom Waldeigentümer teuer angeschafft werden; sie schützen jedoch nur unvollständig. Da der freie Lebensraum des Wildes dadurch kleiner wird, steigen die Verbissschäden auf den ungezäunten und der Druck auf die gezäunten Flächen. Aber Zäune können durch herabfallende Äste und umfallende Bäume und Schwarzwild, das sie untergräbt, oftmals nur sehr bedingt Schutz bieten.

Dr. Georg Nüßlein, MdB CSU: "Ich verstehe viele Dinge nicht mehr."
Das ist richtig. Diesen Eindruck hinterlassen seine Aussagen. Wir sind entsetzt und massiv enttäuscht, dass ein Politiker der höheren Führungsriege einer staatstragenden Partei in Verantwortung derart schwache Argumente von sich gibt. Selbst gesicherte ökologische Zusammenhänge scheinen ihm nicht geläufig zu sein.

MdB Nüßlein hat sich durch seine fragwürdigen Interventionen, z.B. durch sein Verhinderungsmanöver gegen eine fortschrittliche Bundesjagdgesetzänderung zum Thema überjagende Hunde, bereits mehrmals zugunsten der klassischen Trophäenjagd und gegen waldstützende Anliegen hervorgetan. Angesichts der drängenden Umweltfragen ist zu hoffen, dass er als "Umweltexperte" der CDU/CSU in anderen Bereichen nicht ebenso agiert oder agieren darf. Eine sachkundige Person wäre wünschenswert.

Die Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft Bayern und der Ökologische Jagdverein Bayern setzen sich für einen artenreichen und gesunden Wildbestand in einem ausgewogenen Verhältnis zu seinen natürlichen Lebensgrundlagen ein. Wir halten es für wichtig, die natürlichen Lebensgrundlagen des Wildes zu sichern und zu verbessern, gerade in Zeiten des Klimawandels und der Biodiversität. Beeinträchtigungen einer ordnungsgemäßen land-, forst- und fischereiwirtschaftlichen Nutzung durch das Wild sollen möglichst vermieden werden. Insbesondere soll die Bejagung die natürliche Verjüngung der standortgemäßen Baumarten im Wesentlichen ohne Schutzmaßnahmen ermöglichen.

Prof. Dr. Manfred Schölch
Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft e.V.
Landesgruppe Bayern

Dr. Wolfgang Kornder
Ökologischer Jagdverein Bayern e.V.

Entgegnung zum Interview mit dem CSU Umweltexperten Dr. Georg Nüßlein: Wald-Wild-Klimawandel: "Das Problem sind die Monokulturen", Augsburger Allgemeine Zeitung vom 24.9.2019
ANW_OEJV_Entgegnung_Interview_DrNuesslei
Adobe Acrobat Dokument 176.1 KB