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3. November 2020

Nur mit weniger Rehen kann der Waldumbau gelingen

Oben stirbt der Wald, unten fehlt die Verjüngung – Klare Weichen für geringeren Wildverbiss gefordert

Von Fritz Arnold. Fränkische Landeszeitung vom 2.11.2020

OBERSCHEINFELD-PRÜHL _ „Oben stirbt der Wald und unten werden klimatolerante Baumarten wie die Eiche durch die Rehe verhindert.“ Es brauche dringend eine Anpassung der Schalenwildbestände, dass eine großflächige Waldverjüngung angesichts der Klimakrise gelingen kann, war eine Kernaussage bei einer Exkursion im Steigerwald. Wie dramatisch die Lage in den Wäldern ist, machten die Forstbetriebsgemeinschaften Neustadt-Uffenheim und Kitzingen zusammen mit dem Bund Naturschutz und der Arbeitsgemeinschaft naturgemäße Waldwirtschaft sowie Förstern bei einer Zusammenkunft im Grenzgebiet zwischen Mittel- und Unterfranken im Steigerwald deutlich.

Mit im Boot auch der Ökologische Jagdverband (ÖJV) unter Vorsitz von Dr. Wolfgang Kornder, der schon seit geraumer Zeit mit seiner Aktion „HUNTING4FUTURE“ für eine Jagd wirbt, damit der Wald eine Chance hat. Sie wollen sich damit auch angesichts der Neufassung des Bundeswaldgesetzes in Berlin zu Wort melden, dass die Weichen für einen dringend niedrigeren Rehwildverbiss an jungen Bäumchen gestellt werden.
 
Christian Göttfert, Vorsitzender der Waldbauernvereinigung Neustadt-Uffenheim, berichtete, dass in seiner FBG die Schadholzmenge in diesem Jahr die Menge von 130.000 Festmeter erreichen wird. All die Schadflächen anzupflanzen und einzuzäunen sei bei Kosten von 10.000 Euro pro Hektar nicht machbar.
In der benachbarten Forstbetriebsgemeinschaft Kitzingen hat laut Geschäftsführer Dieter Rammensee ein Sturmwurf von 35.000 Festmeter im September 2018 die Situation durch Borkenkäferschäden zusätzlich verschärft. Schon 2017 habe man in seinem Bereich 6,5 Kilometer Wildschutzzäune zu enormen Kosten für die Waldbesitzer gebaut. Doch inzwischen sei die Situation bei zunehmenden Borkenkäferschäden nicht mehr händelbar. Da Kitzingen Vorreiter bei der Klimaerwärmung sei, verschwinde zunehmend auch die bisher als „Heilsbringer“ bezeichnete Buche.

Angesichts des Dilemmas befürchten Wissenschaftler, dass wir anstatt der gewohnten Wälder eines Tages nur noch savannenartige Landschaften haben könnten, auf denen anstelle von Waldbäumen Sträucher und Gebüsch sich befinden, informierte Förster Klaus Behr. Er wies darauf hin, dass die bundesweit entstandenen Kahlflächen der Größe des Saarlandes entsprechen.

Bild (Fritz Arnold): Fast überall in den Wäldern türmen sich die Borkenkäferfichten. Können sich Jungbäuchen nicht rasch entwickeln, sind die Flächen rasch von Brombeeren überwuchert. Zweiter von links Neustadts FBG-Vorsitzender Christian Göttfert. Rechts Dieter Rammensee von der FBG Kitzingen.

Was tun in dieser schwierigen Lage? Neue Baumarten anzupflanzen, die im Mittelmehrraum schon immer mit weniger Niederschlägen auskommen mussten, ist nicht so einfach. Sie wachsen bei ausbleibenden Regen nur schwer an, und wenn doch, dann werden die selten Arten, bei denen es sich meist um Laubbäume handelt, von den Rehen verstümmelt.

Waldreferent Dr.Ralf Straußberger vom Bund Naturschutz veranschaulichte die Auswirkungen des zu hohen Wildverbisses. Dort wo Zäune da sind, gebe es eine Vielzahl von Verjüngungspflanzen. Aber auf großen Flächen gehe es mit Zäunen auch deshalb nicht, weil Wildschweine die Zäune unterwühlten. Immer wieder dokumentierten die Verbissgutachten weithin hohen Wildverbiss und den höchsten Bayerns im Landkreis Kitzingen. Deshalb fordert der Vertreter des Bund Naturschutz andere Rahmenbedingungen für den Wald und die Jagd über das neue Bundesjagdgesetz. Dr. Straußberger betonte, dass längst bekannt sei, dass der Rehwildbestand gewaltig unterschätzt werde. Dies habe sich in einem Fall in Dänemark erwiesen, wo im Endeffekt zwei- bis dreimal mehr Rehe da waren, als Jäger und Wildbiologen vermutet hatten. Einen Beweis für viele Rehe lieferten jüngst auch wieder Meldungen über ein Rekordhoch bei Wildunfällen.

Bild (Fritz Arnold): Dort wo Rehe weniger den von Eichelhähern gesäten jungen Bäumchen zusetzen, kann sich solch eine prächtige Naturverjüngung entwickeln wie in diesem Waldstück im Steigerwald.

 

Die Wald- und Wildproblematik lasse sich dort am besten lösen, wo Waldbesitz und Jagd sich in einer Hand befinden. Ein Beispiel dafür zeigte Christian Belz als Leiter Forstverwaltung Graf Schönborn. Dort habe man den Reh-Abschuss 2007 verdreifacht. Die Folge: Es stellte sich Naturverjüngung auf großen Flächen ein, ohne dass gepflanzt und gezäunt wurde. Denn hier wachsen nun Eichen, Buchen, Ahorn und Edelbaumholzarten, deren Samen Eichelhäher hergetragen haben. Nur einige Douglasien wurden von Hand hinzu gepflanzt und einzeln gegen das Verfegen geschützt. Die anfangs hohen Abschusszahlen im Schönborn-Wald reduzierten sich dann und erreichten später die höheren Zahlen von vorher wieder, weil in der üppigen Naturverjüng viel Deckung da ist.
Der Leiter der Forstverwaltung kann nicht verstehen, dass die Eichelhäher gejagt werden dürfen und in Bayern im Jahr rund 20.000 Eichelhäher geschossen werden. Sie seien die besten Waldbegründer.

Zu Argumenten von Jägern, dass sie die Abschusszahlen nur schwer erfüllen können, sagte Christian Belz, dass man den Abschuss zu einem Drittel mit Bewegungsjagden erreichte und es im Übrigen auf die Jagdzeiten ankomme. Beste Jagdzeiten seien April und Mai sowie Dezember und Januar. Deshalb schlägt Belz vor, die Reh-Rabschusszeit auf April vorzuverlegen und dafür im Juli und August völlig auszusetzen.

Auch Uwe Reißenweber als Betriebsleiter der Forstabteilung Castell bestätigte dies. Auch in seinem Jagdbereich wachsen in den Wäldern ohne Zäune Naturverjüngungen mit 20 Baumarten, auch mit Elsbeere und Kirsche.


Fritz Arnold

Hier zum Bericht des ÖJV Bayern über die Waldexkursion, den wir am 14.10.2020 auf unserer Homepage veröffentlicht hatten.