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Das alte Thema Schwarzwild und das neue „TBC“

Samstag, 15. Juni 2013 in Freising

Der ÖJV Bayern hat sich mit seinem Sommerseminar wieder hochaktuellen, schwierigen Themen zugewandt. Sich solchen Bereichen zuzuwenden und nach Lösungen zu suchen, ist nach Meinung des ÖJV Bayern wohl auch die Aufgabe solcher Seminare.

Der Schwerpunkt lag diesmal wieder beim Schwarzwild. Dazu kam das im Allgäu durchaus brisante und in Einzelfällen für Landwirte existenzgefährdende Thema TBC.

Praktiker und Wissenschaftler waren eingeladen, diese Problembereiche darzustellen, sie verständlicher zu machen und – wo immer möglich – Lösungen aufzuzeigen.

Das gut besuchte Seminar wurde von Dr. Klaus Thiele souverän geleitet.

Josef Zitzelsberger: Erfahrungen mit Schwarzwildschäden in der Landwirtschaft

Josef Zitzelsberger ist Jagdvorstand und Vollerwerbslandwirt (58 ha Fläche, 12 ha Mais). Die Schwarzwildprobleme in seinem Bereich bestehen seit ca. 20 Jahren. Der damalige Jagdpächter war der Meinung, dass Wildschweine auch durchaus positive Eigenschaften hätten und bei richtiger Behandlung beherrschbar seien. Allerdings stiegen die Schäden mit den Jahren in solchem Maß, dass der Maisanbau ohne Zaun seit Beginn des Jahrtausends nicht mehr möglich war. Die Zäunung mit genügend Strom war zwar wirksam, aber brachte auch eine regelmäßige Wartung und Kontrolle des Zaunes mit sich, was mit viel Arbeit für die Landwirte verbunden war Ab Herbst jedoch waren die Wildschweine trotz Zaun kaum aus dem Feld zu halten, ein regelmäßiges und zeitaufwendiges Durchtreiben der gezäunten Flächen war unumgänglich.

Nach Meinung des Juniors des Revierpächters blieben die Schäden gering, wenn man die Leitbachen bzw. Bachen insgesamt schont. So wurden auf der Jagd nur Wildschweine bis 40 kg freigegeben, was letztlich zur „Züchtung der Wildschweine“ führte.

Die höchsten Schäden mit den gravierendsten Folgen entstanden im Grünland. Schlechte Silage mit verminderter Futterqualität war das Resultat, was besonders für die Leistungszucht kritisch war. Die amtlichen Schätzer für Ausgleich der Schäden auf Grünland legten die Schätzungsrichtlinien des Bauernverbandes zugrunde, was nur zu sehr geringen Ausgleichszahlungen führte. Das Hauptproblem bei Grünland ist, dass bei entsprechenden Schäden die komplette Fläche ziemlich wertlos wird, da z.B. das Abernten stehengebliebener Teile kaum handlbar ist. Zudem werden gebrochene Stellen trotz erneuter Saat oft von Unkraut besiedelt und nicht selten vom Schwarzwild wieder heimgesucht. Oftmals sind die Flächen dann so stark und tief gebrochen, dass einfach nichts mehr „zu retten“ ist. Ein zusätzliches Problem war, dass im Zuge der gütlichen Einigung, der volle Wildschaden meist nicht ersetzt wurde, auch wenn voller Wildschadensersatz im Pachtvertrag vereinbart war.

Doch nicht nur Grünland, sondern selbst die Silos wurden vom Schwarzwild angegangen, so dass man erneut konservieren, verdichten und verschließen musste. Die Planen waren dabei bis zu 15 Meter weg geschoben, eine Zäunung der Silos war unumgänglich Schadenersatz gab es dafür nicht.

Der frühere Jagdpächter (seit letztem Jahr ist die Jagd neu vergeben) hatte bis zu 25.000€ pro Jahr an Schäden zu zahlen! Die Landwirte machten schließlich den Vorschlag, mehr Druck auf das Schwarzwild auszuüben. Die Antwort war entwaffnend: Die Wildschweine laufen vorne raus und hinten wieder rein! Das mache keinen Sinn.

In der Jagdversammlung kam es letztlich dann zur Abstimmung mit dem Ergebnis, die Jagd trotz des langjährigen Pachtverhältnisses neu zu verpachten. Es folgten 7 Bewerbungen, von denen 2 Personen je nur die Hälfte pachten wollten. Letzteres Gebot wurde als Lösung angesehen und der Zuschlag erfolgte einstimmig. Der Pachtpreis beträgt aktuell 5€ pro ha bei einer Jagdfläche von 805 ha, davon 30% Wald. Kirrungen werden nur im Wald angelegt. Zudem wurde vereinbart, dass die Pächter in den ersten 2 Jahren keinen Wildschaden zu zahlen haben, dieser wird dann im Bedarfsfall von der Jagdgenossenschaft übernommen. Allerdings wurde in dieser Zeit kein Wildschaden angemeldet. Danach wurde die Übernahme des vollen Wildschadens durch die Pächter vereinbart.

Im August/September der ersten Jagdperiode waren schon über 100 Schweine erlegt, auf den Wiesen ging der Schaden um bis zu 80% zurück. Heute gebe es zwar noch Schäden, aber sie sind sehr gering und oft händisch, mit der Schaufel auszugleichen, so dass kein Maschineneinsatz nötig ist. Die Jagdgenossen haben zudem einen guten Kontakt zu den Jägern.

 

Diese Zustandsbeschreibung war für uns deshalb besonders wichtig, weil sie aus erster Hand kam. Die Lösung der Probleme, die aber erst bei entsprechendem Leidensdruck durchgesetzt wurde, überrascht nicht: Mit den Jagdpächtern steht und fällt die Problematik. Wenn diese Schwarzwildbestände wirklich reduzieren wollen, ist dies auch möglich.

Max Lochner, 1. Vorsitzender der ARGE Jagd in Oberbayern als Vertreter des Bauernverbandes: Erwartungen der Arbeitsgemeinschaft der Jagdgenossenschaften Oberbayern im BBV an die Schwarzwildbejagung

Lochner begann mit einer altbekannten Feststellung: Das Dilemma beginnt damit, dass beim ersten Anzeichen von Sauen die Kirrung beginnt, weil jeder „seine“ Sau schießen will. Und damit nimmt das Unglück seinen Lauf.

 

Wenn Sauen da sind, wäre es das Ziel, sie im Wald zu halten, damit außerhalb des Waldes keine Schäden entstehen.

Ein gravierendes Problem dabei ist die hohe Vermehrungsrate des Schwarzwildes. Aus 10 Sauen sind nach einem Jahr schnell 35 geworden. Deshalb müssen die Jäger von Anfang an dran bleiben.

Seit ca. 15 Jahren nehmen in ihrer Jagdgenossenschaft die Schäden extrem zu. Früher waren diese trotz schlechterer jagdlicher Ausrüstung deutlich geringer. Kirrungen sind dabei die ersten Fehler („der, der die Sau füttert, will sie auch selbst erlegen“). Nach offizieller Vorgabe soll maximal 1 kg Kirrmaterial ausgebracht werden, alles was darüber hinausgeht ist eher als Fütterung anzusehen.

Zur effektiven Bejagung des Schwarzwildes wäre die Absprache mit den Nachbarn wichtig. Hier wären Arbeitsgemeinschaften zu gründen und die Schießkunst zu verbessern. Nur die gemeinsame Arbeit bringt beim Problemfall Schwarzwild Erfolg! Dabei müssen Bachen, auch die Leitbache, bejagt werden. Dies gilt zumindest ab Herbst, wenn sie aus dem Wald ziehen. Nach dem Abschuss erfahrener Bachen sind auch die unerfahrenen Überläufer leichter zu erlegen.

Die Forderung an die Politik lautet: Frischlings- und Saufänge vereinfacht zu genehmigen, Nachtzielgeräte zuzulassen, den Hundeeinsatz zu vereinfachen und den versehentlichen Abschuss führender Bachen nicht zu verfolgen. Am wichtigsten aber ist: Alle müssen an einem Strang ziehen und sofort handeln mit dem Ziel, Schäden mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu reduzieren.

 

In der anschließenden Diskussion monierte ein Jagdvorsteher, dass die Schätztabellen des Bauernverbandes nicht mehr passen und er wies darauf hin, dass BBV und BJV vielerorts gegen den einzelnen Grundeigentümer an einem Strang ziehen. Er formulierte dazu. „Jagd braucht (finanziell) nichts bringen, ich zahle sogar etwas, wenn es passt!“ Ein anderer Jagvorsteher sah das Problem weniger beim BBV sondern darin, in der eigenen JG eine Mehrheit zu bekommen. Grundsätzlich war man sich einig, dass eine Schulung der JG-Vorstände zielführend sei.

Reinhold Weinberger (NP Bay. Wald): Erfahrungen mit Saufängen im NP Bayerischer Wald

Reinhold Weinberger ist Stellvertretender Sachgebietsleiter für das Gebiet 5 (Wildmanagement) im Nationalpark Bayrischer Wald und dort seit 1997 tätig. Seine Erfahrungen mit Saufängen reichen aber vor diese Zeit am Bayerischen Forstamt Zwiesel zurück.

Der Nationalpark ist kein klassisches Schwarzwildgebiet in Bezug auf die naturräumlichen Gegebenheiten (Höhenerstreckung: 600-1452 mm ü. NN und Jahresdurchschnittstemperatur 6°C (Tal), -3°C (Höhe)).

Im NP gibt es grundsätzlich keine oder nur eine sehr bedingte Wildregulierung durch den Menschen. Auf 70% der Fläche erfolgt keine Jagd (17.000 ha). Rothirsch und Wildschwein werden bedingt bejagt, da keine (oder nur sehr wenige) natürliche Prädatoren vorhanden sind.

Seit 2007 ist die Jagd auf Rehwild eingestellt. Einerseits ist der Luchs vorhanden, anderseits läuft noch die Erprobungsphase, ob das System für den Wald verträglich ist. Momentan zeigen sich keine Probleme, vielleicht auch deshalb, weil das Rehwild im Winter v.a. in Tallagen und dann auch in Nachbargebiete zieht.

Es gibt damit keine Pacht und auch keine Jagdgäste. Der getätigte Abschuss wird nicht als Jagd sondern als Wildbestandsmanagement verstanden. Zwei Berufsjäger und das Personal der Parkverwaltung erfüllen ohne Drückjagden auf der Einzeljagd, in Sammelansitzen, im Wintergatter und im Saufang den Abschuss. Randflächen im Übergang zum Privat- oder kommunalen Wald außerhalb des NP´s werden bejagt. Schäden durch das Schwarzwild entstehen im Nationalpark ausschließlich auf Grünland.

Nach Tschernobyl waren 99% der Sauen nicht mehr verwertbar. Sie wurden meist nach dem Abschuss entsorgt. In dieser Phase stiegen die Schäden durch Sauen.

 

Die acht Saufänge, die Zw. 700 und 800 m ü. NN angelegt sind, haben in etwa folgenden Aufbau:

  • Größe 80-200 qm
  • Länglich oval, ohne Ecken (Verletzungsgefahr)
  • 10-20 m lang, 5-10 m breit
  • Umzäunung: Zaunpfosten (Kantholz 12x12 cm), Geflecht (Sechseckgeflecht, dick verzinkt, Maschenweite 6x8 cm, Drahtstärke 2,7 mm, blickdicht mit Bretterverschlag). Durch den Bretterverschlag wird eine evtl. mögliche Panik grundsätzlich vermieden!
  • Tore: Falltor (Unfallgefahr, aber schließt zuverlässig) oder Schwingtor (schließt weniger zuverlässig, aber weniger Unfallgefahr)

 

Die Auswertung der Abschüsse im Zeitraum 2004-2012 ergibt folgendes Bild: Von 647 im NP erlegten Sauen wurden 44% im Saufang erlegt. Es fangen sich kaum Keiler, auch verhältnismäßig wenige Bachen/Überläufer, aber viele Frischlinge (80,6% Frischlinge). Der durchschnittliche Fangerfolg pro Fang beträgt 5,7 Stück.

 

Die Schwankung des Abschusses zwischen den Jahren ist sehr stark. Die natürliche Auslese, also harte Winter (Klima), hat große Auswirkung auf die Strecke im nächsten Jahr. Gibt es starke Schäden im Frühjahr, werden die Saufänge betrieben. Das Ergebnis innerhalb verschiedener Jahre kann sehr unterschiedlich sein, ebenso, ob im Saufang oder außerhalb mehr geschossen wird.

Pro Fang liegt der Erfolg meist zwischen 3 und 7 Stück, in einem Fall waren es sogar 20 Sauen.

Der Abschuss im Saufang erfolgt auf kurze Entfernung, vom Hochsitz oder einer Trittleiter aus. Dabei werden zuerst Keiler und Bachen, dann Überläufer und schließlich die Frischlinge erlegt. Dabei wird herkömmliche Jagdmunition mit ausreichender Tötungswirkung verwendet. Der Einsatz von Jagdwaffen mit Schalldämpfer/Suppressor wird geprüft.

 

Ungeachtet der langjährigen Erfahrungen mit Saufängen im NP Bayerischer Wald bleiben offene Fragen:

  • Funktionieren Saufänge auch in Regionen mit hohem Anteil masttragender Baumarten?
  • Funktionieren Saufänge auch in Regionen mit intensivem Maisanbau?
  • Wie ist die Akzeptanz in Jägerschaft/Jagdverbänden?
  • Wie ist Akzeptanz in Bevölkerung?

 

In der Diskussion klärten sich noch einige Punkte:

  • Die Saufänge werden dort eingerichtet, wo in Wintermonaten ein Wildschutzgebiet ist oder wenig Frequentierung durch Besucher erfolgt. Bisher wurde kein Saufang unberechtigt geöffnet.
  • Sollen Saufänge gut funktionieren, ist die Einstellung intensiver Fütterung nötig, damit sich das Schwarzwild auf die Saufänge konzentriert.
  • Zum Ankirren ist die volle Jagdzeit (auch im Juni) ohne Unterbrechung auszunutzen. Die Fängischstellung erfolgt dann in der Zeit, in der alles Schwarzwild frei ist.
  • Je nach Landratsamt kann beim Töten der Sauen im Saufang die Anwesenheit des amtlichen Veterinärs vorgeschrieben sein. Im NP ist dies nicht der Fall.
  • Bisher waren nur Sauen im Saufang. Das andere Wild, meidet wahrscheinlich die Sauen.

 

Zusammenfassend konnte Weinberger feststellen: Beim Betreiben der Saufänge im Bayerischen Wald gab es bisher eigentlich kein Problem. Saufänge sind unter den im Nationalpark Bayerischer Wald gegebenen Bedingungen ein effektives Mittel um den Wildschweinbestand zu regulieren.

Nils Hahn: Hohe Schwarzwildbestände - ein Problem oder so gewollt?

Niels Hahn näherte sich dem Thema, indem er das Problem der „Problemwildart“ Schwarzwild in den Fokus nahm. Von hier aus wandte er sich der Wildbiologie und dem Management zu, um schließlich mit Überlegungen zur „Human Dimension“ das Thema abzuschließen: Der Umgang mit dem Schwarzwild bewegt sich zwischen seiner unglaublichen Faszination, die es auf Jäger ausübt, und den Schäden, die als Folge beim Ausleben dieser Faszination entstehen. Dabei erschweren höchst subjektive Betrachtungen die Beurteilung des „Problems“ und dessen „Lösung“.

 

Wildbiologie und Management

Schwarzwild verursacht Wildschäden, Verkehrsunfälle, überträgt die Schweinepest oder die Aujeszkysche Krankheit, schädigt oder beeinflusst Tier- und Pflanzenarten, besonders auf den Feldern, und besiedelt urbane Räume. Viele Faktoren, angefangen beim Klimawandel, den Landnutzungsänderungen und dem (unzureichenden) Jagdmanagement begünstigen seine Vermehrung und Ausbreitung. Zu der Frage, ob und wie das Schwarzwild reduziert werden sollte, gehen die Meinungen auseinander. Aber sicher ist, wie die Statistik der letzten Jahrzehnte eindeutig zeigt: die Bestandszahlen gehen unübersehbar nach oben.

 

Dabei erlaubt die Jagdstatistik immer nur retrospektive Bestandeseinschätzungen. Auch ist es sicher, dass derzeit keine nachhaltige Populationsregulation auf ein niedriges Niveau stattfindet. Abschussquoten aus Modellen sind untauglich, z.B. die Frischlingsanteile betreffend, die vorgegeben sind, denn: der tatsächliche Frischlingsanteil in der Population ist unbekannt (bei hohem Gesamtbestand höherer Anteil leichter erreichbar), der Frischlingsabschuss im Sommer ist schwierig (Vegetationsperiode), die fehlende Verwertbarkeit kleiner Frischlinge verhindert deren effektive Bejagung und „ethische“ Bedenken mancher Jäger beim Erlegen gestreifter Frischlinge bremsen deren Erlegung.

 

 

Bejagung

Bei den Jagdmethoden finden sich schwerpunktmäßig die Ansitzjagd an der Schadfläche, die Kirrjagd und die Bewegungsjagd. Letztere ist vom Zeitaufwand her eindeutig die effektivste Bejagungsart. Gewichtsbeschränkungen sind dabei kontraproduktiv. Als günstigster Bejagungszeitraum kristallisieren sich die Monate November bis Januar (Okt.- Febr.) heraus.

 

Zusammenfassend schreibt Hahn:

  1. Jagd an der Kirrung ist Hauptjagdart
  2. Intensive Frischlingsbejagung (Bejagbarkeit, Verwertbarkeit) und Bachenabschuss (Sozialstruktur) ist vor allem in den Herbst- / Wintermonaten möglich
  3. Gut organisierte, (revierübergreifende) Bewegungsjagd ist die effektivste Jagdmethode mit dem derzeit größten noch unausgeschöpften Nutzungspotential (Okt - Feb)
  4. Gewichtsbeschränkungen ungeeignet zur effektiven Bestandesregulation
  5. Bewegungsjagden beeinträchtigen nicht die Sozialstruktur oder Altersklassenzusammensetzung (Ressentiments resultieren meist aus ungleichmäßiger Verteilung der Jagdstrecke, Mitbejagung anderer Schalenwildarten, Fehlen geeigneter Hunde)

 

Reproduktionsrate und Regulation

Schwarzwild hat eine sehr hohe Reproduktionsrate. Der Abschuss der Führungsbachen wird dabei häufig mit dem Hinweis der Rauschsynchronisation und -unterdrückung abgelehnt. Hahn stellt dazu fest, dass die Rauschunterdrückung im Widerspruch zur r-Strategie (hohes Zuwachspotential) der Art steht, die Rolle der Führungsbache in Jagdpraxis überbewertet wird, wissenschaftliche Belege für diese Hypothese fehlen, und führende Bachen nicht den Beschlag von Frischlingsbachen verhindern.

Die Reduktion der Schwarzwildbestände ist deshalb so schwierig, weil Ressourcenschwankungen unmittelbar in Reproduktion umgesetzt werden(r - Stratege), das Schwarzwild somit ein hohes Reproduktionspotential hat („Bachen sind das ganze Jahr über entweder trächtig, führend oder beides!“). Hohe Reproduktionsraten sind bereits bei den Frischlingsbachen geben, wobei die körperliche Konstitution den Eintritt der Geschlechtsreife bestimmt. In der Praxis wird die Rolle der „Leitbache“ „oft missbraucht“ (Stabilität der Sozialstruktur, Zuwachsbremse). Will man Schwarzwild reduzieren, muss die Bejagungsstrategie dem Rechnung tragen: „Frischlinge schießen als wolle man sie ausrotten“ (Pfannenstiel, 2010), „Trächtige Überläuferbachen im Frühjahr schießen (Stubbe, 1989), Reduktion tritt beim effizienten „Eingriff in die Altersklasse der Überläufer- und Altbachen“ ein und wenn man „jeden Frischling, der zu bekommen ist“, erlegt.

 

Kirrung/Fütterung

Sauen sind Allesfresser, die durch Kirrungen und Fütterungen, auf die sie sich bis hin zur Raumnutzung einstellen, zusätzlich gefördert werden. Kirrung oder Ablenk- oder Notzeitfütterung führen oftmals zu einer Ganzjahresfütterung und gleichen natürliche Nahrungsengpässe aus.

 

Rottenstrukturen

Schwarzwild ist relativ standorttreu und selbst Bewegungsjagden haben hier nur einen sehr geringen Einfluss. Rotten sind kein statisches soziales Gebilde, sondern trennen sich und schließen sich immer wieder zusammen. Die „Basis eines Rottenverbandes stellt die Bache mit Frischlingen dar, darüber hinaus kommen Überläufergruppen (beiderlei Geschlechts) und Einzelgänger (erwachsene Keiler) hinzu, die untereinander „in Kontakt stehen““. Der Einfluss auf die Rottenzusammensetzung durch die saisonalen Gegebenheiten ist wesentlich höher als durch die Bejagung.

 

Human Dimension

Schwarzwildschäden werden von Landwirten und Jägern oftmals sehr divergierend eingeschätzt. Fakt ist, dass Abwehrmaßnahmen wie z.B. Wildzäune nur ein Notbehelf sind. Der entscheidende Faktor für die Wildschäden ist die Populationsdichte. Jäger und Landwirt müssen hier zusammenarbeiten und gemeinsam Lösungen finden.

 

Hahn stellte abschließend fest:

  • Der „tatsächliche“ und der „gefühlte“ Leidensdruck“ (Wildschaden, Seuchenrisiko, etc.) differieren oftmals stark
  • Pro-aktives Handeln ist ohne „Leitplanken“ (z.B. Hegerichtlinien, Zieldefinition der Jagdgenossen) nur schwer umsetzbar
  • Jagdgenossen haben eine Schlüsselfunktion, um solche Zieldefinitionen einfordern, nutzen sie aber nicht hinreichend
  • Alle Interessensgruppen müssen die Verantwortung annehmen, nur dann ist Akzeptanz für Umsetzungsmaßnahmen gegeben
  • Es bedarf überzeugender Führungspersönlichkeiten (aus allen Gruppen)
  • Belastbare Daten und Informationen als Entscheidungsgrundlage sind unabdingbar (z.B. Schwarzwildinformationssystem des BBV)
  • Projekt „Brennpunkt Schwarzwild“ des BBV als neuer Ansatz

Niels Hahn näherte sich dem Thema, indem er das Problem der „Problemwildart“ Schwarzwild in den Fokus nahm. Von hier aus wandte er sich der Wildbiologie und dem Management zu, um schließlich mit Überlegungen zur „Human Dimension“ das Thema abzuschließen: Der Umgang mit dem Schwarzwild bewegt sich zwischen seiner unglaublichen Faszination, die es auf Jäger ausübt, und den Schäden, die als Folge beim Ausleben dieser Faszination entstehen. Dabei erschweren höchst subjektive Betrachtungen die Beurteilung des „Problems“ und dessen „Lösung“.

 

Wildbiologie und Management

Schwarzwild verursacht Wildschäden, Verkehrsunfälle, überträgt die Schweinepest oder die Aujeszkysche Krankheit, schädigt oder beeinflusst Tier- und Pflanzenarten, besonders auf den Feldern, und besiedelt urbane Räume. Viele Faktoren, angefangen beim Klimawandel, den Landnutzungsänderungen und dem (unzureichenden) Jagdmanagement begünstigen seine Vermehrung und Ausbreitung. Zu der Frage, ob und wie das Schwarzwild reduziert werden sollte, gehen die Meinungen auseinander. Aber sicher ist, wie die Statistik der letzten Jahrzehnte eindeutig zeigt: die Bestandszahlen gehen unübersehbar nach oben.

 

Dabei erlaubt die Jagdstatistik immer nur retrospektive Bestandeseinschätzungen. Auch ist es sicher, dass derzeit keine nachhaltige Populationsregulation auf ein niedriges Niveau stattfindet. Abschussquoten aus Modellen sind untauglich, z.B. die Frischlingsanteile betreffend, die vorgegeben sind, denn: der tatsächliche Frischlingsanteil in der Population ist unbekannt (bei hohem Gesamtbestand höherer Anteil leichter erreichbar), der Frischlingsabschuss im Sommer ist schwierig (Vegetationsperiode), die fehlende Verwertbarkeit kleiner Frischlinge verhindert deren effektive Bejagung und „ethische“ Bedenken mancher Jäger beim Erlegen gestreifter Frischlinge bremsen deren Erlegung.

 

 

Bejagung

Bei den Jagdmethoden finden sich schwerpunktmäßig die Ansitzjagd an der Schadfläche, die Kirrjagd und die Bewegungsjagd. Letztere ist vom Zeitaufwand her eindeutig die effektivste Bejagungsart. Gewichtsbeschränkungen sind dabei kontraproduktiv. Als günstigster Bejagungszeitraum kristallisieren sich die Monate November bis Januar (Okt.- Febr.) heraus.

 

Zusammenfassend schreibt Hahn:

1. Jagd an der Kirrung ist Hauptjagdart

2. Intensive Frischlingsbejagung (Bejagbarkeit, Verwertbarkeit) und Bachenabschuss (Sozialstruktur) ist vor allem in den Herbst- / Wintermonaten möglich

3. Gut organisierte, (revierübergreifende) Bewegungsjagd ist die effektivste Jagdmethode mit dem derzeit größten noch unausgeschöpften Nutzungspotential (Okt - Feb)

4. Gewichtsbeschränkungen ungeeignet zur effektiven Bestandesregulation

5. Bewegungsjagden beeinträchtigen nicht die Sozialstruktur oder Altersklassenzusammensetzung (Ressentiments resultieren meist aus ungleichmäßiger Verteilung der Jagdstrecke, Mitbejagung anderer Schalenwildarten, Fehlen geeigneter Hunde)

 

Reproduktionsrate und Regulation

Schwarzwild hat eine sehr hohe Reproduktionsrate. Der Abschuss der Führungsbachen wird dabei häufig mit dem Hinweis der Rauschsynchronisation und -unterdrückung abgelehnt. Hahn stellt dazu fest, dass die Rauschunterdrückung im Widerspruch zur r-Strategie (hohes Zuwachspotential) der Art steht, die Rolle der Führungsbache in Jagdpraxis überbewertet wird, wissenschaftliche Belege für diese Hypothese fehlen, und führende Bachen nicht den Beschlag von Frischlingsbachen verhindern.

Die Reduktion der Schwarzwildbestände ist deshalb so schwierig, weil Ressourcenschwankungen unmittelbar in Reproduktion umgesetzt werden(r - Stratege), das Schwarzwild somit ein hohes Reproduktionspotential hat („Bachen sind das ganze Jahr über entweder trächtig, führend oder beides!“). Hohe Reproduktionsraten sind bereits bei den Frischlingsbachen geben, wobei die körperliche Konstitution den Eintritt der Geschlechtsreife bestimmt. In der Praxis wird die Rolle der „Leitbache“ „oft missbraucht“ (Stabilität der Sozialstruktur, Zuwachsbremse). Will man Schwarzwild reduzieren, muss die Bejagungsstrategie dem Rechnung tragen: „Frischlinge schießen als wolle man sie ausrotten“ (Pfannenstiel, 2010), „Trächtige Überläuferbachen im Frühjahr schießen (Stubbe, 1989), Reduktion tritt beim effizienten „Eingriff in die Altersklasse der Überläufer- und Altbachen“ ein und wenn man „jeden Frischling, der zu bekommen ist“, erlegt.

 

Kirrung/Fütterung

Sauen sind Allesfresser, die durch Kirrungen und Fütterungen, auf die sie sich bis hin zur Raumnutzung einstellen, zusätzlich gefördert werden. Kirrung oder Ablenk- oder Notzeitfütterung führen oftmals zu einer Ganzjahresfütterung und gleichen natürliche Nahrungsengpässe aus.

 

Rottenstrukturen

Schwarzwild ist relativ standorttreu und selbst Bewegungsjagden haben hier nur einen sehr geringen Einfluss. Rotten sind kein statisches soziales Gebilde, sondern trennen sich und schließen sich immer wieder zusammen. Die „Basis eines Rottenverbandes stellt die Bache mit Frischlingen dar, darüber hinaus kommen Überläufergruppen (beiderlei Geschlechts) und Einzelgänger (erwachsene Keiler) hinzu, die untereinander „in Kontakt stehen““. Der Einfluss auf die Rottenzusammensetzung durch die saisonalen Gegebenheiten ist wesentlich höher als durch die Bejagung.

 

Human Dimension

Schwarzwildschäden werden von Landwirten und Jägern oftmals sehr divergierend eingeschätzt. Fakt ist, dass Abwehrmaßnahmen wie z.B. Wildzäune nur ein Notbehelf sind. Der entscheidende Faktor für die Wildschäden ist die Populationsdichte. Jäger und Landwirt müssen hier zusammenarbeiten und gemeinsam Lösungen finden.

 

Hahn stellte abschließend fest:

Der „tatsächliche“ und der „gefühlte“ Leidensdruck“ (Wildschaden, Seuchenrisiko, etc.) differieren oftmals stark

Pro-aktives Handeln ist ohne „Leitplanken“ (z.B. Hegerichtlinien, Zieldefinition der Jagdgenossen) nur schwer umsetzbar

Jagdgenossen haben eine Schlüsselfunktion, um solche Zieldefinitionen einfordern, nutzen sie aber nicht hinreichend

Alle Interessensgruppen müssen die Verantwortung annehmen, nur dann ist Akzeptanz für Umsetzungsmaßnahmen gegeben

Es bedarf überzeugender Führungspersönlichkeiten (aus allen Gruppen)

Belastbare Daten und Informationen als Entscheidungsgrundlage sind unabdingbar (z.B. Schwarzwildinformationssystem des BBV)

Projekt „Brennpunkt Schwarzwild“ des BBV als neuer Ansatz

Niels Hahn näherte sich dem Thema, indem er das Problem der „Problemwildart“ Schwarzwild in den Fokus nahm. Von hier aus wandte er sich der Wildbiologie und dem Management zu, um schließlich mit Überlegungen zur „Human Dimension“ das Thema abzuschließen: Der Umgang mit dem Schwarzwild bewegt sich zwischen seiner unglaublichen Faszination, die es auf Jäger ausübt, und den Schäden, die als Folge beim Ausleben dieser Faszination entstehen. Dabei erschweren höchst subjektive Betrachtungen die Beurteilung des „Problems“ und dessen „Lösung“.

 

Wildbiologie und Management

Schwarzwild verursacht Wildschäden, Verkehrsunfälle, überträgt die Schweinepest oder die Aujeszkysche Krankheit, schädigt oder beeinflusst Tier- und Pflanzenarten, besonders auf den Feldern, und besiedelt urbane Räume. Viele Faktoren, angefangen beim Klimawandel, den Landnutzungsänderungen und dem (unzureichenden) Jagdmanagement begünstigen seine Vermehrung und Ausbreitung. Zu der Frage, ob und wie das Schwarzwild reduziert werden sollte, gehen die Meinungen auseinander. Aber sicher ist, wie die Statistik der letzten Jahrzehnte eindeutig zeigt: die Bestandszahlen gehen unübersehbar nach oben.

 

Dabei erlaubt die Jagdstatistik immer nur retrospektive Bestandeseinschätzungen. Auch ist es sicher, dass derzeit keine nachhaltige Populationsregulation auf ein niedriges Niveau stattfindet. Abschussquoten aus Modellen sind untauglich, z.B. die Frischlingsanteile betreffend, die vorgegeben sind, denn: der tatsächliche Frischlingsanteil in der Population ist unbekannt (bei hohem Gesamtbestand höherer Anteil leichter erreichbar), der Frischlingsabschuss im Sommer ist schwierig (Vegetationsperiode), die fehlende Verwertbarkeit kleiner Frischlinge verhindert deren effektive Bejagung und „ethische“ Bedenken mancher Jäger beim Erlegen gestreifter Frischlinge bremsen deren Erlegung.

 

 

Bejagung

Bei den Jagdmethoden finden sich schwerpunktmäßig die Ansitzjagd an der Schadfläche, die Kirrjagd und die Bewegungsjagd. Letztere ist vom Zeitaufwand her eindeutig die effektivste Bejagungsart. Gewichtsbeschränkungen sind dabei kontraproduktiv. Als günstigster Bejagungszeitraum kristallisieren sich die Monate November bis Januar (Okt.- Febr.) heraus.

 

Zusammenfassend schreibt Hahn:

  1. Jagd an der Kirrung ist Hauptjagdart

  2. Intensive Frischlingsbejagung (Bejagbarkeit, Verwertbarkeit) und Bachenabschuss (Sozialstruktur) ist vor allem in den Herbst- / Wintermonaten möglich

  3. Gut organisierte, (revierübergreifende) Bewegungsjagd ist die effektivste Jagdmethode mit dem derzeit größten noch unausgeschöpften Nutzungspotential (Okt - Feb)

  4. Gewichtsbeschränkungen ungeeignet zur effektiven Bestandesregulation

  5. Bewegungsjagden beeinträchtigen nicht die Sozialstruktur oder Altersklassenzusammensetzung (Ressentiments resultieren meist aus ungleichmäßiger Verteilung der Jagdstrecke, Mitbejagung anderer Schalenwildarten, Fehlen geeigneter Hunde)

 

Reproduktionsrate und Regulation

Schwarzwild hat eine sehr hohe Reproduktionsrate. Der Abschuss der Führungsbachen wird dabei häufig mit dem Hinweis der Rauschsynchronisation und -unterdrückung abgelehnt. Hahn stellt dazu fest, dass die Rauschunterdrückung im Widerspruch zur r-Strategie (hohes Zuwachspotential) der Art steht, die Rolle der Führungsbache in Jagdpraxis überbewertet wird, wissenschaftliche Belege für diese Hypothese fehlen, und führende Bachen nicht den Beschlag von Frischlingsbachen verhindern.

Die Reduktion der Schwarzwildbestände ist deshalb so schwierig, weil Ressourcenschwankungen unmittelbar in Reproduktion umgesetzt werden(r - Stratege), das Schwarzwild somit ein hohes Reproduktionspotential hat („Bachen sind das ganze Jahr über entweder trächtig, führend oder beides!“). Hohe Reproduktionsraten sind bereits bei den Frischlingsbachen geben, wobei die körperliche Konstitution den Eintritt der Geschlechtsreife bestimmt. In der Praxis wird die Rolle der „Leitbache“ „oft missbraucht“ (Stabilität der Sozialstruktur, Zuwachsbremse). Will man Schwarzwild reduzieren, muss die Bejagungsstrategie dem Rechnung tragen: „Frischlinge schießen als wolle man sie ausrotten“ (Pfannenstiel, 2010), „Trächtige Überläuferbachen im Frühjahr schießen (Stubbe, 1989), Reduktion tritt beim effizienten „Eingriff in die Altersklasse der Überläufer- und Altbachen“ ein und wenn man „jeden Frischling, der zu bekommen ist“, erlegt.

 

Kirrung/Fütterung

Sauen sind Allesfresser, die durch Kirrungen und Fütterungen, auf die sie sich bis hin zur Raumnutzung einstellen, zusätzlich gefördert werden. Kirrung oder Ablenk- oder Notzeitfütterung führen oftmals zu einer Ganzjahresfütterung und gleichen natürliche Nahrungsengpässe aus.

 

Rottenstrukturen

Schwarzwild ist relativ standorttreu und selbst Bewegungsjagden haben hier nur einen sehr geringen Einfluss. Rotten sind kein statisches soziales Gebilde, sondern trennen sich und schließen sich immer wieder zusammen. Die „Basis eines Rottenverbandes stellt die Bache mit Frischlingen dar, darüber hinaus kommen Überläufergruppen (beiderlei Geschlechts) und Einzelgänger (erwachsene Keiler) hinzu, die untereinander „in Kontakt stehen““. Der Einfluss auf die Rottenzusammensetzung durch die saisonalen Gegebenheiten ist wesentlich höher als durch die Bejagung.

 

Human Dimension

Schwarzwildschäden werden von Landwirten und Jägern oftmals sehr divergierend eingeschätzt. Fakt ist, dass Abwehrmaßnahmen wie z.B. Wildzäune nur ein Notbehelf sind. Der entscheidende Faktor für die Wildschäden ist die Populationsdichte. Jäger und Landwirt müssen hier zusammenarbeiten und gemeinsam Lösungen finden.

 

Hahn stellte abschließend fest:

  • Der „tatsächliche“ und der „gefühlte“ Leidensdruck“ (Wildschaden, Seuchenrisiko, etc.) differieren oftmals stark

  • Pro-aktives Handeln ist ohne „Leitplanken“ (z.B. Hegerichtlinien, Zieldefinition der Jagdgenossen) nur schwer umsetzbar

  • Jagdgenossen haben eine Schlüsselfunktion, um solche Zieldefinitionen einfordern, nutzen sie aber nicht hinreichend

  • Alle Interessensgruppen müssen die Verantwortung annehmen, nur dann ist Akzeptanz für Umsetzungsmaßnahmen gegeben

  • Es bedarf überzeugender Führungspersönlichkeiten (aus allen Gruppen)

  • Belastbare Daten und Informationen als Entscheidungsgrundlage sind unabdingbar (z.B. Schwarzwildinformationssystem des BBV)

  • Projekt „Brennpunkt Schwarzwild“ des BBV als neuer Ansatz

Prof. Dr. Dr. Mathias Büttner (LGL Bayern): Vorkommen der Tuberkulose (TBC) bei Rotwild und Rind in Bayern (Tuberkulose (Mensch und Tier)

Auf Rang 3 der gefährlichsten Krankheiten beim Menschen (v.a. in Ländern der Dritten Welt) rangiert die TBC, die seit Robert Koch auch beim Tier stark thematisiert und bekämpft wird. Es treten hierbei unterschiedlich gefährliche Formen auf. Weniger gefährliche Erreger sind bei der Geflügeltuberkulose, der Paratuberkulose oder der Lepra zu finden.

Deutschland gilt innerhalb der EU nach wie vor als tuberkulosefrei. Diese Einschätzung wird getroffen, wenn weniger als 0,1% der landwirtschaftlichen Betriebe von TBC betroffen sind. Im Zeitraum von 2007-2012 gab es 81 Ausbrüche (v.a. im Süden –Allgäu- und westlichen Norden).

Gesetzlich ist die Anzeigepflicht für Mykobakterium caprae und M. bovis vorgeschrieben. Der Nachweis wird dabei bakteriologisch erbracht (molekularbiologische Untersuchung, allergische Untersuchung, Interferon-Gamma-Freisetzungstest (Bluttest). Bei Verdacht erfolgt die bakteriologische Untersuchung und eine klinische und pathologisch-anatomische Untersuchung.

Problematisch ist, dass die Bakterien eine Wachshülle aufweisen und deshalb extrem überlebensfähig sind, da sie vom Immunsystem nicht komplett abbaubar sind und sich bei geschwächtem Immunsystems auch Jahrzehnte nach der Infektion noch vermehren können (Spätgeneralisation). Der Primärinfekt zeigt sich meist an der Eintrittspforte. Auch ist noch die Möglichkeit der Spätgeneralisation gegeben. Bei der Frühgeneralisation kommt es zur Verbreitung im kompletten Organismus (hämatogen, lymphogen).

Die Immunabwehr zeigt eine schnelle Reaktion (zelluläre Abwehr), wobei sich Cytocine (Gamma-Interferon) bilden. Ein Befall ist messbar in der Haut (Mono- oder Simultantest), durch Antikörperbildung, die aber stark individuell variabel und damit für die Diagnostik nicht geeignet ist. Ein Problem liegt darin, dass die Krankheit nicht gleich eine Infektion nach sich ziehen muss und zwischen Ansteckung und Ausbruch Jahre liegen können. Auch die Diagnostik nach dem Tod ist problematisch.

Erst bei fortgeschrittener Tuberkulose gibt es sichtbare Läsionen. Eine Labordiagnostik dauert 6-8 Wochen. Die PCR-Untersuchung geht zwar schnell, ist aber wegen ungleicher Verteilung der Mykobakterien im Organismus nur gering sensitiv. Oft gibt es auch nur sehr kleine Herde, aber die Lymphknoten sind stark verändert.

Falls Untersuchungen mit Kulturen durchgeführt werden, muss dies unter hohen Schutz für die Untersuchenden erfolgen. Sie sind langwierig und eine pathologisch-anatomische Untersuchung muss voraus gehen. Die Nährmedien für die Kulturen müssen beimpft werden und anschließend 6-8 Wochen bebrütet werden.

Bei den Mykobakterien bei Wildtieren gibt es sog. Reservoirwirte (Dachs in England, Fuchskusu in Neuseeland, Weißschwanzhirsch in USA) oder Überträger. Reservoirwirte halten den Infektionszyklus in der Population laufend aufrecht. Wie dies bei unserem Rotwild aussieht ist noch unklar.

Das Rotwild im Lechtal hatte 2009 eine Prävalenz von 23,1%. Heute ist dieser Pozentsatz durch die Jagd auf 9% im Reduktionsgatter gesunken. Es besteht aber durchaus die Gefahr der Übertragung ins gesamte Allgäu, wo es 2011 35 Positivnachweise, 5 davon im oberen Isartal, gab.

Da man die Bakterien-Stämme eindeutig molekulargenetisch analysieren kann wurden für das Allgäu genetische Varianten (Typ Allgäu, Lechtal, Karwendel) typisiert. Der Typ Allgäu kam nur im Allgäu vor, der Rest überall. Alle Erreger wurden sowohl bei Rind, als auch bei Rotwild gefunden.

Im Rahmen des TBC-Monitorings werden in der kommenden Jagdsaison Abschüsse analysiert. 1600 Tiere aus den 3 Regionen als Stichprobenumfang (v.a. in Gebieten, in denen noch wenig bekannt ist) sollen untersucht werden. Zugrunde liegt ein Raster über die Alpenkette (25 qkm-Raster) zur Lokalisation der Abschussorte.

 

Tuberkulose gibt es auch beim Wildschwein (M. microti), welches auch für den Menschen zum Problem werden kann.

Die Übertragung erfolgt durch Ausscheidung (beim Menschen die sog. Tröpfcheninfektion, beim Tier durch Speichel oder Nasensekret). Je höher die Temperatur ist, desto eher werden die Bakterien inaktiviert.

Bei Gams und Dachs gab es bislang keinen Fall von TBC, Fuchs und Reh sind nur sehr selten befallen.

 

Menschen können durch M. caprae und M. bovis befallen werden. Diese Formen sind aber behandelbar. Dabei wird nicht nur die Lunge befallen, sondern auch Gehirn oder Wirbelsäule. Die Behandlung wird aber immer schwerer, da schon multiresistente Bakterien aufgetreten sind. Untersuchung nach Wildbefall im Allgäu ergaben folgendes Ergebnis: 11 Menschen zeigten im immunologischen Test eine positive Reaktion, im Durchschnitt liegt das aber nicht höher als anderswo in Deutschland.

Dr. Wolfgang Kornder