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Der Einfluss der Aujeszkyschen Krankheit auf die Verwendung von Hunden bei der Schwarzwildbejagung

Seit geraumer Zeit häufen sich Meldungen, dass Drückjagden wegen der Aujeszkyschen Krankheit (AK) abgesagt werden. Ein Hauptgrund für diese Maßnahmen liegt in den Befürchtungen von Hundeführern, ihre Jagdhundekönnten sich wegen der hohen Durchseuchungsrate der Wildschweine mit der Aujeszkyschen Krankheit anstecken. Tatsächlich wurde im Dezember 2013 am Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Verbraucherschutz (LGL) die AK bei einem unter deutlicher klinischer Symptomatik eingeschläferten Jagdhund diagnostiziert. Der direkte Kontakt des Tieres zu Wildschweinen war dokumentiert. Sollte also die AK der weiteren Vermehrung des Schwarzwilds Vorschub leisten und als Vorwand gegen eine effektive Bejagung dienen?  Worum handelt es sich bei der auch Pseudowut oder Pseudorabies genannten Erkrankung?


Die Aujeszkysche Krankheit bei Hausschwein und Rind ist eine anzeigepflichtige Infektionskrankheit. Hauptwirt für den Erreger, das Schweine - Herpesvirus 1 (SHV-1) ist das Schwein. Mit Ausnahme der hochresistenten Primaten (z. B. der Mensch) und Einhufer (z. B. Pferde) sind fast alle Säugetierarten, also auch Hund und Katze, empfänglich.


Wesentliche Eigenschaften von Herpesviren (siehe Lippenherpes bei Menschen) sind zum einen die lebenslang bestehen bleibende Infektion und zum anderen, vor allem beim SHV 1 die hohe Widerstandsfähigkeit des Virus. In Muskelfleisch und Knochenmark bleibt es bei -18°C bis zu 36 Tage, in gepökeltem Fleisch bis zu 20 Tage infektiös. Durch die Fleischreifung  wird das Virus nicht abgetötet, selbst bei Fäulnis besteht bis zum 12. Tag eine Ansteckungsgefahr. Neben der Übertragung über direkten Kontakt und Tröpfchen stellt somit die Aufnahme von infiziertem Material mit dem Mund eine wichtige Infektionsquelle dar.


Beim Schwein können sich nach einer Infektion Krankheitsschübe mit Virusausscheidung und äußerlich unauffällige Phasen ohne Virusausscheidung abwechseln. Die letztgenannte Phase wird auch als latente (= schlummernde) Infektion bezeichnet. Der Erreger kann z. B. durch Stress, Störungen der Abwehrkräfte und andere Faktoren jederzeit reaktiviert werden, so dass eine erneute Virusausscheidung (mit und ohne klinische Symptome) erfolgt. Der Krankheitsverlauf ist stark vom Alter der betroffenen Tiere und der krankmachenden Kraft des Virus abhängig. Während die Erkrankung bei Saugferkeln bzw. Frischlingen relativ häufig mit dem Tod endet, können erwachsene Tiere eine solche ohne auffällige Erkrankungssymptome überstehen.


Deutschland gilt seit 2003 als frei von AK, bei Schwarzwild allerdings nicht. Stichprobenbasierte Untersuchungen von Wildschweinblutproben auf Antikörper gegen das AK - Virus, die in Bayern seit 2012 vom LGL durchgeführt werden, ergaben 2012 bei durchschnittlich fünf und 2013 bei durchschnittlich zehn Prozent des eingesandten Materials positive Ergebnisse. Wegen der regional unterschiedlichen  Bereitschaft der Jagdausübungsberechtigen, an diesem Monitoring teilzunehmen, lassen sich diese Prozentzahlen zwar nicht flächendeckend auf ganz Bayern übertragen, sie zeigen jedoch, dass Schwarzwild weiterhin das Reservoir für diese Tierseuche darstellt und es mit offensichtlich steigender Tendenz auch bleibt.


Nachdem bis auf wenige Ausnahmen alle Säugetiere für AK empfänglich und Hunde für die Eindämmung der Schwarzwildpopulation unerlässlich sind, stellt sich die Frage nach Verlauf, Therapie und Vorbeugung. Im Gegensatz zum Schwein erfolgt eine Erkrankung mit AK bei Hunden und anderen Haussäugetieren nicht über das Blut, sondern über die Nervenbahnen. Der Virenbefall von Hirnstamm und Hirnnervenkernen prägt den weiteren Verlauf der Erkrankung: nach Aufnahme von virushaltigen rohem Schweinefleisch oder nicht erhitzten Innereien über den Fang oder Kontakt mit einem infizierten Schwarzwild (z.B. Bissverletzung bei der Nachsuche oder einer Drückjagd) zeigen die betroffenen Tiere zunächst unspezifische Krankheitssymptome wie Unruhe, Speicheln, Zittern, Erbrechen und Fieber. Anschließend stellt sich vermehrter Juckreiz zuerst im Kopfbereich ein, der sich auf den gesamten Körper ausbreitet. Er kann so ausgeprägt sein, dass sich die Tiere durch „Zerbeißen“ der juckenden Stellen selbst verstümmeln. I. d. R. kommt es zu Verhaltensänderungen im Sinne einer Aggressivitätssteigerung. Die letzte klinische Phase wird dominiert  von Starre - Krampf - Anfällen sowie durch komatöse Zustände des Patienten. Die Kopfnerven zeigen Ausfallerscheinungen, die u. a. zum Verlust des Schluckreflexes führen. Der Tod tritt durch zentral bedingtes Atemversagen ein. Während es von der Infektion bis zum Auftreten der ersten Symptome drei bis fünf Tage dauert, erstreckt sich der eigentliche und tödlich endende Krankheitsverlauf auf ca. 16 bis 48 Stunden. Therapieversuche sind aussichtslos.


Hunde scheiden nach einer Infektion keine Viren aus und stellen eine Sackgasse in der Infektionskette dar. Folglich geht trotz des tragischen Verlaufs einer, bislang selten vorgekommenen und beschriebenen  AK - Erkrankung vom erkrankten Tier keine Ansteckungsgefahr für andere Hunde aus.


Da zur Vorbeugung (Prophylaxe) gegen die Aujeszkysche Krankheit kein Impfstoff zur Verfügung steht, ist und bleibt das strikte Verfütterungsverbot von rohem Schweinefleisch bzw. Schwarzwildbret an Hunde die beste Vorsichtsmaßnahme. Das Risiko einer Ansteckung von Jagdhunden durch Kontakt mit Schwarzwild ist im Gegensatz zur vorgenannten Fütterung eher gering, da eine kurzzeitige Bejagung bei latent infizierten Tieren nicht zu dem Stress führt, der für eine Virusausscheidung erforderlich ist. Schwarzwild, welches akut erkrankt oder abgekommen ist, bleibt von dieser Entwarnung ausgenommen. Je eher und konsequenter die Schwarzwildpopulation reduziert wird, desto eher und stärker verringert sich das Risiko einer Ansteckung unserer Hunde sowie die Gefahr für konventionelle und ökologische Schweinehaltungsbetriebe wegen Aujeszky - positiven Befunden wirtschaftliche Einbußen zu erleiden. Ohne den Einsatz von Jagdhunden wird sich ein Erfolg jedoch nicht einstellen.

Dr. Edgar Wullinger

 Anmerkung des ÖJV Bayern:
Sollte sich ein Hund nachweislich auf einer Drückjagd infizieren und der Hund ist über die vom ÖJV Bayern angebotene Tagesversicherung für Treib- und Drückjagden oder die Jagdhunde-Lebensversicherung versichert, so wird für den Hund eine Entschädigung gezahlt (auch wenn das ein schwacher Trost ist). Näheres unter Versicherungsservice