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Pressemitteilung des ÖJV Bayern

Pressemitteilung des ÖJV Bayern zum derzeitigen Fütterungsaktionismus für Wild in den Bayerischen Alpen

(Zum Artikel „Gegen das große Sterben im Bergwald“ aus der Tegernseer Stimme vom 15.01.2019 und anderer derartiger Verlautbarungen)

  • Natur kennt keine Fütterung!
  • Einteilung einer Zwei-Klassen-Natur wildlebender Tiere in fütterungswürdige und nicht fütterungswürdige?
  • Oberstes Gebot: das Wild in Ruhe lassen!
  • Wir fordern: Natur Natur sein und Wild wild sein lassen!


Der Artikel aus der Tegernseer Stimme vom 15. Januar 2019 „Gegen das große Sterben im Bergwald“ und auch andere Berichte sind aus Sicht des Ökologischen Jagdvereins Bayern e.V. äußerst einseitig und nicht zielführend. Daher bedarf es einer Ergänzung.

Fütterung gehört in den Kuhstall!
Die Fütterung von Haustieren und Nutztieren in der Landwirtschaft ist unumstritten. Ohne die Domestizierung von Nutztieren, wäre die Menschheit heute ja auch nicht da, wo sie ist. Das Auslesekriterium bzw. das züchterische Ziel war bei allen Nutz- und Haustierrassen in der Regel aber nicht, strenge Winter zu überstehen. Daher wären Nutztiere heutzutage in der freien Natur ohne Fütterung kaum mehr überlebensfähig. Hier ist die Fütterung absolut legitim und wird nicht in Frage gestellt.

Wildnis mit Fütterung?
Tiere in der Natur sind gegen solche Situationen bestens gewappnet. Wildtiere konnten sich durch Jahrtausende lange Evolution an strenge Winter anpassen. Sie haben ein dichtes Fell oder Federkleid, haben Fettreserven angelegt, von denen sie zehren, reduzieren ihren Stoffwechsel, lassen sich einschneien um Wärmeenergie zu sparen, äsen an den oft freien Südhängen ... Das Ausgraben und Aufscheuchen eingeschneiter Wildtiere ist kontraproduktiv!
Dass im Winter einzelne Individuen sterben ist nicht nur völlig natürlich, es ist sogar wichtig: Es dient der Gesunderhaltung der Gesamtpopulation, denn es trifft in erster Linie Tiere in schlechterer körperlicher Verfassung, meist junge und alte. Dieser natürliche Flaschenhals ist damit ein Teil der Evolution. Wie schon Charles Darwin vor 160 Jahren beschrieben hat, überleben in einem Wildtierbestand auch immer nur die stärksten und fittesten Individuen. Dies hat den Effekt, dass in jedem Fall auch in Zukunft eine gesunde, flexible und an die jeweiligen Lebensumstände angepasste Population erhalten bleibt.
Es verwundert, wenn Verbände, die sogar den Begriff „Wildnis“ in ihrem Namen tragen, solche grundlegenden Wesenszüge von Wildnis und Natur plötzlich negieren. Sie konterkarieren damit ihr eigenes Programm.

Welche Folgen hat das Füttern von Wild?
Durch die Fütterung von Wild entscheidet man sich für einen künstlichen Eintrag von Energie in den Naturhaushalt. Es wird dadurch die natürliche Kapazität eines Lebensraums stark verändert. Man kann dadurch mehr Wild halten, als es der Lebensraum eigentlich hergeben würde – so wie in einem Kuhstall. Damit arbeitet man aber gegen die Natur. Nach einem strengen Winter hätten durch die Fütterung dann mehr Individuen überlebt. Ist der Wildbestand ohnehin zu hoch, steigen natürlich die Schäden am Wald, die durch Verbeißen, Schälen, Schlagen entstehen. Da ist es durchaus legitim zu fragen: Wem gehört eigentlich die Natur, dass man sich herausnimmt, dies in Kauf zu nehmen?

Gibt es eine „Zwei-Klassen-Natur“?
Ist es Zufall, dass sich der „Hilferuf“ zur Fütterung von Wild immer nur auf jagdbare, trophäentragende Wildarten beschränkt? Konsequenterweise müssten ja sämtliche wildlebende Tiere, die keinen Winterschlaf oder Winterruhe halten, gefüttert werden.
Besonders, weil gerade die Beutegreifer, wie zum Beispiel das Raubwild oder die Greifvögel (auch die Eulen, die ja nicht dem Jagdrecht unterliegen und somit nicht zum „Wild“ zählen!) viel härter von hohen Schneelagen betroffen sind. Ihre Hauptbeutetiere, meist Nager, können sich sehr gut unter der Schneedecke verstecken und die Ausweichbeute, wie etwa Amphibien und Fische haben sich tief in den Boden verkrochen oder haben sich ins tiefere Gewässer zurückgezogen.

  • Warum sollte ihnen nicht geholfen werden?
  • Warum sollte der Rothirsch mit dem mächtigen Geweih am liebsten von der Bundeswehr mit Hilfslieferungen durch den Hubschrauber versorgt werden und der Fuchs oder der Habicht oder die Waldohreule nicht?
  • Gibt es eine „Zwei-Klassen-Natur?“ Den einen hilft man, bei den anderen wird dann doch toleriert, dass sie im Zweifelsfall eingehen?
  • Oder liegt der eigentliche Fütterungsgrund eher darin, dass man mehr trophäentragendes Wild im Revier halten und es an dieses binden will?


Sinnhaftigkeit oder Populismus?
Neben den Wintergattern bestehen ohnehin weitere Rotwildfütterungen im Bayerischen Alpenraum, die ja beschickt werden.

  • Aber wo und wie füttert man das eingeschneite Rehwild, die Füchse, die Greife? Und was füttert man den Füchsen und Greifen?
  • Wirft man flächig kleine Heu- und Fleischpakete ab?
  • Und wie ist das mit der Gams? Füttern – nicht füttern? Kamen die Gamspopulation nicht in allen Hochschneelagen der letzten Jahrhunderte zurecht?
  • Und wie kann es sein, dass das Rehwild, das vom früheren Staatsforst und von der BaySf seit Jahrzehnten nicht mehr gefüttert wird, immer noch im Bayerischen Alpenraum oder im Nationalpark Bayerischer Wald lebt, wo außerhalb der Wintergatter trotz teils erheblicher Schneelagen seit Jahrzehnten nicht gefüttert wird?
  • Sind die Fütterungsaufrufe per Bundeswehr etc. nicht eher populistische, sinnlose Hirngespinste, die allein schon an der konkreten Umsetzung scheitern?
  • Und hat man die enorme Beunruhigung bedacht, die eine solche Hubschrauber-Fütterungsmaßnahme mit sich bringen würde?


Die Tiere in Ruhe lassen!
Was wildlebende Tiere in solchen Situationen brauchen ist Ruhe und nochmals Ruhe!!! Da sind Skitourengänger genauso gefragt wie Jäger, Natur- und Tierschützer. Und eingeschneite Tiere hochzumachen, Tiere bei hohen Schneelagen aufzusuchen und ihnen ggf. noch zu folgen, um spektakuläre Bilder und Filme für die Medien zu machen, ist verwerflich!

Aus Sorge um das Fortbestehen der Tierarten Rotwild, Gams und Reh?
Die Streckenlisten der einzelnen Wildarten bestätigen seit Jahrzehnten, dass weder Gams noch Hirsch oder Reh an irgendeinem Abgrund steht. Die Abschusszahlen (die ein Indikator für eine Populationsgröße sind) sprechen für sich. Der Abschuss von Rotwild steigt seit 25 Jahren kontinuierlich auf aktuell über 12.000 Stück in Bayern. Es werden zudem in Bayern jährlich über 320.000 Rehe geschossen - langjährige Tendenz ebenfalls steigend. Und auch der Gamsabschuss ist in den letzten 10 Jahren konstant bei gut 4.000 Stück pro Jahr. Von einer Gefahr, dass in Bayern eine dieser Wildarten akut gefährdet ist, kann also keine Rede sein.

Strenge Winter gibt es seit je her und wird es immer wieder geben. Aufgeklärte Menschen, auch Jäger, Tier- und Naturschützer, sollten bedenken:

  • Tierpopulationen gehen aus natürlichen „Durststrecken“ gestärkt hervor, auch wenn einzelne Individuen diese Zeiten nicht überleben. Natur ist kein Paradies! Aber nur so funktioniert sie! Würden die Tiere aus unserer natürlichen Umwelt ohne die Fütterung nicht mehr weiterbestehen oder sollte man hier der Natur vertrauen?
  • Wichtiger als die Sorge um einzelne Tierindividuen ist die Sorge um deren Lebensraum! Im konkreten Fall sorgen hohe Wildbestände für eine Überalterung und Entmischung des Bergwaldes. Ist der Wald erst mal weg, verschwindet auch der wertvolle Humus, die Chancen, hier neuen Wald entstehen zu lassen schwinden. Für den Menschen fehlt der Schutz des Waldes, für die Tiere verschwindet der Lebensraum.


Unsere derzeitige Situation überhöhter Wildbestände
Das aktuelle Forstliche Gutachten zeigt, dass die Wildschäden im Wald bayernweit in jedem zweiten Revier zu hoch oder deutlich zu hoch sind. Und gerade im Bergwald sieht die Situation vielerorts dramatisch aus. Der Verbiss ist auch in Staatswaldrevieren deutlich gestiegen und die wichtigste Mischbaumart im Bergwald, die Tanne, ist in ihrem Erhaltungszustand akut gefährdet. Sie wird stark verbissen und in vielen Revieren nicht ausreichend in der nächsten Waldgeneration beteiligt sein. Da sich der Klimawandel besonders im Bergwald massiv auswirken wird, ist dies fatal, denn die übrigen Baumarten, wie etwa Fichte oder auch die Buche bekommen zunehmend Probleme. Wenn man also helfen will, dann der Tanne! Die kann man zwar nicht medienwirksam füttern; trotzdem braucht sie aber dringend angepasste Wildbestände.

Fazit
Der ÖJV Bayern plädiert dafür, über die ohnehin bestehenden Fütterungseinrichtungen für Rotwild hinaus keinen weiteren Fütterungsaktionismus zu veranstalten, sondern „Natur Natur sein zu lassen“, „Wild wild sein zu lassen“ und darauf zu vertrauen, dass sich die Natur selber zu helfen weiß.

Dr. Wolfgang Kornder
Vorsitzender ÖJV Bayern e.V.

PM des ÖJV Bayern zum derzeitigen Fütterungsaktionismus für Wild in den Bayerischen Alpen
Kommentar zu Gegen das große Sterben im
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Über den ÖJV

Der Ökologische Jagdverein ist ein 1988 gegründeter Jagdverband, der sich der ökologischen Jagd verpflichtet hat. Der ÖJV reformiert aktiv das deutsche Jagdwesen und trägt dazu bei, dass die Jagd auch in Zukunft in der Gesellschaft Akzeptanz findet.
Der ÖJV sieht die Jagd als eine legitime Form der nachhaltigen Naturnutzung an. Die Ökologie soll dabei als wertfreie Wissenschaft Grundlagen für die Jagd liefern, von der Waldbau, Natur-, Arten- und Tierschutz betroffen sind. Aufgabe der Jagd ist es, in der Kulturlandschaft ökologische und unzumutbare ökonomische Schäden zu verhindern und eine nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen zu ermöglichen. Demzufolge muss beispielsweise das Schwarzwild wegen seiner Schäden in der Landwirtschaft oder Schalenwild wie Rehe wegen ihrer Schäden im Wald reguliert werden.

http://www.oejv-bayern.de

Ökologischer Jagdverein Bayern e. V.
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1. Vorsitzender
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