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Pressemitteilung des ÖJV Bayern - Bezirksgruppe Niederbayern

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Zum Beitrag "Wald und Wild: Wie viele Rehe werden wirklich geschossen?" in "Unser Land"(Bayerischer Rundfunk, Sendezeit: 25.01.2019, 19 Uhr). Der Beitrag handelt von der Jagdgenossenschaft Kellberg im Landkreis Passau. Es wird gezeigt, wie durch eine alternativen jagdlichen Bewirtschaftungsform der dringend notwendige Waldumbau in Gang gebracht wurde. Auch eine Kontrolle, ob Rehwildabschüsse tatsächlich getätigt wurden, gehört dazu.

Die Folgen des Klimawandels sind bereits jetzt zu spüren
Immer wieder auftretende Kalamitäten in Form von Borkenkäfern, Stürmen , Hitze- und Trockenwellen oder einer Kombination aus allem zeigen es seit Jahren: Der Wald muss dringend umgebaut werden. Weg von der reinen , einschichtigen Fichte, hin zu zukunftsfähigen , strukturreichen Mischbeständen. Die Klimaprognosen der nächsten Jahrzehnte bestärken diese Erkenntnis, da die Fichte auf Grund der Trockenheit in der Vegetationsphase zunehmend Probleme bekommen wird.

Waldumbau - Wenn nicht jetzt, wann dann?
Viele Waldbauern haben das erkannt und wollen aktiv den Wald umbauen. Die nötigen Mischbaumarten müssen mangels Naturverjüngung aber meist mit sehr hohem finanziellem Aufwand eingebracht und vor Wildverbiss geschützt werden. Der Grund, warum gepflanzt, gezäunt, gestrichen oder einzeln geschützt werden muss, ist ein zu hoher Rehwildbestand im Revier und der daraus folgende hohe Verbiss an jungen Waldbäumen. Der Bitte an die verantwortlichen Jagdpächter, den Rehwildbestand auf ein angemessenes Niveau herabzusetzen, so dass auch der Verbissdruck sinkt, wird in der Regel nicht nachgekommen. Der Jagdpächter hat da meist andere Ziele oder es fehlt schlichtweg am jagdlichen Können. Es kommt zu einem Zielkonflikt Die Waldbauern wollen einen an das waldbauliche Vorgehen angepassten Rehwildbestand, der möglichst niedrig zu halten ist, die Jäger wollen meist einen möglichst hohen Rehwildbestand, damit möglichst viele Trophäen "geerntet" werden können.

Die Waldbauern in Kellberg greifen selbst zum Gewehr
Die Jagdgenossenschaft Kellberg hat aus diesem Grund vor mehr als 10 Jahren einen anderen Weg eingeschlagen. Sie hat die Jagd nicht wie üblich verpachtet, sondern die Bejagung selbst in die Hand genommen. Das Gemeinschaftsjagdrevier wird seitdem als sogenannte "Eigenbewirtschaftung" in Eigenregie bejagt. Zudem haben einige Waldbauern den Jagdschein gemacht und bejagen ihre Flächen gleich selbst.

Der „Körperliche Nachweis“ - Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser
Die Jagdgenossenschaft Kellberg hat sich dazu entschlossen, den sogenannten „Körperlichen Nachweis“ einzuführen. Als körperlicher Nachweis dient das erlegte Tier, das nach dem Erlegen in die gemeinschaftliche Wildkammer gebracht wird, wo es von den Verantwortlichen Jägern und Jagdgenossen gesehen werden kann. Dieser Nachweis bietet mit relativ wenig Aufwand einen Einstieg in eine nachhaltige Kontrolle, dass Abschüsse wirklich erfolgt sind und nicht einfach nur der Jagdbehörde gemeldet werden. Das bedeutet nicht automatisch, dass der körperliche Nachweis ein bestehendes Vertrauensverhältnis belastet. Da man von Anfang an offen miteinander umgehen wollte, hat man den körperlichen Nachweis ohne jedes Misstrauen eingeführt. Hier gilt ganz einfach der bekannte Grundsatz: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Eine Kontrolle wäre auch in vielen verpachteten Revieren eine Überlegung wert. Gerade wenn trotz gemeldeter Abschusserfüllung die Verbisssituation stagniert oder sogar schlechter wird und gleichzeitig die Wildunfallzahlen steigen.

Der kleine aber feine Vorsprung
Dass die Umstellung auf die Eigenbewirtschaftung funktioniert und dass auch die gewünschten Ergebnisse dabei herauskommen, zeigt zum Beispiel der Sturm „Kolle“ im Sommer 2017 und seine Folgen. In den meisten betroffenen Jagdrevieren musste nach dem Sturm großflächig gepflanzt und kilometerlange Zäune gebaut werden, um die Kulturen zu schützen. Die Trockenheit des Folgejahres 2018 machte es den jungen Bäumchen besonders schwer und es gab zahlreiche Ausfälle. Es musste immer wieder nachgebessert werden - ein immenser Aufwand.


Auch die Jagdgenossenschaft Kellberg war stark betroffen, rund ein Drittel des Waldes hat der Sturm umgerissen. Der Ärger wegen der umgestürzten Bäume und der finanzielle Verlust daraus war natürlich ähnlich groß, wie in anderen Gebieten. Der Frust der Kellberger Waldbauern war aber nach der Aufarbeitung des Schadholzes und der Beseitigung der Sturmschäden bald verflogen. Die seit der Umstellung auf Eigenbewirtschaftung aufgekommene Naturverjüngung reichte aus, die teils großen Löcher, die der Sturm gerissen hat, zu füllen. Die Eigenbewirtschaftung trägt bereits nach nur wenigen Jahren die ersten Früchte: Da die Naturverjüngung durch die angepassten Rehwildbestände bereits seit vielen Jahren unter dem Altholzschirm aufwachsen konnte, macht sich dieser Wuchsvorsprung bereits jetzt bemerkbar. Dieser kleine, aber durchaus feine Vorsprung hat vor allem finanzielle Vorteile. Denn die Kellberger sparen sich die Kosten einer aufwendigen Pflanzung samt den Zäunen und der anderen Schutzmaßnahmen. Aber nicht nur das, von der Bayerischen Forstverwaltung gibt es obendrein noch für die Naturverjüngung eine Förderung von 1.000 €/ha. Da wird nicht nur gespart, sondern sogar verdient. In Kellberg konnten so bislang 70 ha gefördert werden!

Nachahmen erwünscht!
Den Kellberger Waldbauern kann man nur gratulieren, denn vor 10 Jahren ist der Eigenbewirtschaftung vor allem von der traditionellen Jägerschaft ein vorzeitiges Scheitern prognostiziert worden. Doch sie haben durchgehalten und anstatt nur zuzuschauen haben sie die Ärmel hochgekrempelt und selbst angepackt. Die Ergebnisse können sich sehen lassen und sollen zur Nachahmung anregen.
Der Beitrag ist nach der Ausstrahlung auch in der Mediathek des Bayerischen Rundfunks aufrufbar unter https://www.br.de/br-fernsehen/programmkalender/ausstrahlung-1641808.html

gez.
Dr. Edgar Wullinger
(Vorsitzender ÖJV Niederbayern)

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser
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Über den ÖJV

Der Ökologische Jagdverein ist ein 1988 gegründeter Jagdverband, der sich der ökologischen Jagd verpflichtet hat. Der ÖJV reformiert aktiv das deutsche Jagdwesen und trägt dazu bei, dass die Jagd auch in Zukunft in der Gesellschaft Akzeptanz findet.
Der ÖJV sieht die Jagd als eine legitime Form der nachhaltigen Naturnutzung an. Die Ökologie soll dabei als wertfreie Wissenschaft Grundlagen für die Jagd liefern, von der Waldbau, Natur-, Arten- und Tierschutz betroffen sind. Aufgabe der Jagd ist es, in der Kulturlandschaft ökologische und unzumutbare ökonomische Schäden zu verhindern und eine nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen zu ermöglichen. Demzufolge muss beispielsweise das Schwarzwild wegen seiner Schäden in der Landwirtschaft oder Schalenwild wie Rehe wegen ihrer Schäden im Wald reguliert werden.

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Ökologischer Jagdverein Bayern e. V.
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1. Vorsitzender
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